178 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
Im ganzen lag es nahe, daß das Abblühen der Früh—
romantik unter bald folgendem Ersterben der Vaterlands—
dichtung zunächst zu einem gewissen Quietismus führte; und
dieser Gang der Dinge wurde zeitweise um so mehr erleichtert,
als Goethe, nun in das letzte, greisenhafte Stadium seiner
Entwicklung eintretend, auf ihm der natürliche Fuhrer war. Es
ist für ihn der Moment des „Westöstlichen Divans“, der Be—
schaulichkeit, der Reflexionen und Dialoge. Doch auch junge
Dichter schlugen diesen Pfad ein, der dann bald zu literarisch-
kritischen und literaturgeschichtlichen Studien und damit ins
Ausland und, wie eben bei Goethe, vor allem ins orientalische
Fernland führte. Der Prototyp dieser Entwicklung ist Rückert.
Und wer sollte, wenn nicht an der Formgewandtheit, in dem
späteren Übersetzer der Makamen des Hariri noch den Dichter
der Geharnischten Sonette wiedererkennen?
Die Pfade dieser Entwicklung verloren sich aus dem
Affekte in die Nachempfindung und aus der noch so meisterhaft
gehandhabten gebundenen Form in die Prosa — aus der Poesie
in die Gelehrsamkeit. Eine der zahlreichen Übergangsformen
der Zeit vom Enthusiasmus zum Realismus ergab sich damit,
und zwar eine solche, bei der dem Enthusiasmus noch lange
ein gewisser Spielraum zu verbleiben schien. Es ist wie das
Absterben der gemalten Poesie noch von Cornelius im Ver—⸗
hältnis zu der Systemmalerei Wilhelm von Kaulbachs.
Die wirkliche Poesie der Spätromantik bevorzugte andere
Wege. Vor allem entwickelte sie, aus dem extrem Subjektiven
der Frühromantik heraustretend, den objektiven Gehalt der
romantischen Welt. Und sie tat es in steigend ruhigeren, rea⸗
listischeren Formen und Inhalten. Da hören wir wohl, in
einem der bekanntesten und schönsten Gedichte Eichendorffs, zwei
wandernde Gesellen am Bergeshang, wie sie die stille Gegend
entlang singen:
Von schwindelnden Felsenschlüften,
Wo die Wälder rauschen so sacht,
Von Quellen, die von den Klüften
Sich stürzen in Waldesnacht;
Sie singen von Marmorbildern,