Die Spätromantik.
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Man begreift unter diesen Umständen, wie Eichendorff
vor allem auch volkstümlicher Dichter werden konnte: keusch
vor dem Subjektiven zurückweichend, das Naturgefühl der
Nation voll entbindend und veredelnd, hat er mit zahlreichen
seiner Lieder ganz ins Weite gewirkt.
Im übrigen ist es charakteristisch, daß mit dem ferneren
Verlaufe der Spätromantik das Liebeslied überhaupt zurück—
tritt; seine Forderungen greifen zu tief; und einstweilen handelte
es sich nicht so sehr um Eroberungen in den verworrens⸗tiefen
Gebieten der Herzenswelt, wie in den weiten Blachfeldern der
Natur und der Geschichte. So erhalten denn die meisten
Liebeslieder leicht etwas Typisches:
Deine Reize mich berauschen,
Sehnlich atm' ich füße Pein.
Darf ich Herz um Herz nicht tauschen,
Ist doch meine Seele dein.
(Helmine v. Chézy.)
Nur die leidenschaftlichsten Naturen verlassen diese breit
gebahnten Auen, und wo sie sich öffnen, da schlagen uns die
Schauer eines fast noch ungeborenen, mehr dem Ereignis als
der Erscheinung zugewandten Realismus entgegen:
Wird nie, in des Lebens Fülle getaucht,
Der Sehnsucht Flamme gelöscht?
Ach, könnt' ich einst trunken vom süßen
Taumel der Wonn' an den Busen dir sinken!
(Crisalin sIsaac von Sinclairs.)
Der gemeinsame Zug der Entwicklung aber drängt ins
Gegenständliche, Individuelle, in Zeit und Raum Faßbare,
in Vergangenheit und Heimat. Damit tauchen in dem all—
mählich zum Realistischen hin verlaufenden Abkühlungsprozesse
der Lyrik nun die landschaftlichen Dichterschulen auf: und eben
die objektiv „romantischsten“ Länder sind es, die sie entstehen
sehen, Schwaben mit seinen alten staufischen Erinnerungen und
seiner bewegten fürstlich-städtischen Vergangenheit, das Elsaß
im Kranze seiner Burgen und im Wohllaut seiner Sagen,
indem es mitten aus den bänger werdenden Tagen seiner