Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Die Spätromantik. 
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Theorien gebildet. Und während in den anorganischen Dis— 
ziplinen die mechanische Auffassung überwog, war in den orga⸗ 
nischen Disziplinen die Führerschaft der vitalistisch-organischen 
Auffassung kaum zu leugnen. 
Wie wirkte nun in diese Konstellation hinein der synthe— 
tische Zug der Weltanschauung des Klassizismus? Mit Empfind— 
samkeit und Sturm und Drang war die rein naturalistische 
Zeit des Frühsubjektivismus so gut wie erledigt. Jetzt wollte 
man beherrschen, was die Generationen seit Mitte des 18. Jahr⸗ 
hunderts an psychischer Weite und breiterer wie tieferer Er— 
fahrung gewonnen hatten, wollte man systematisieren, was sich 
als Wesen der neuen, subjektivistischen Psyche ergeben hatte. So 
kam man zunächst zu dem Begriffe der Totalität: alles Dasein 
als ein gemeinsam Ganzes sollte durch ein erklärendes Ver— 
ständnis umfaßt werden. Zugleich aber entwickelte man als 
das Wesentliche dieses Ganzen den Begriff der Aktualität: denn 
eben diese, die Willensmomente des Seelenlebens, die Frei— 
heit subjektiver Bewegung, bedeuteten das Neue des empor— 
kommenden Zeitalters. 
Näherte sich diese Strömung der fortschreitenden seelischen 
Entwicklung dem Bereiche der Naturwissenschaften, so war es 
klar, daß sie ihn mit dynamischen Vorstellungen überschwemmen 
und schließlich durchdringen mußte, und daß der Eingang für 
sie am leichtesten auf dem Gebiete der organischen Natur— 
wissenschaften zu gewinnen war. In der Tat verlief die Ent— 
wicklung in diesem Sinne; schon seit Beginn der siebziger 
Jahre des 18. Jahrhunderts läßt sich der Vorgang deutlich 
verfolgen; und Herder bereits stand in der Linie seines Ver— 
laufes. Der erste große Vertreter aber der zunächst auf orga— 
nischem Gebiete eingetretenen Mischung war Goethe. 
Goethe war an sich weitschauend genug, neben der orga— 
nischen auch die mechanische Betrachtungsweise der Natur gelten 
zu lassen. In diesem Zusammenhange hat er wohl von zwei ver⸗ 
— —DDDDDDDDD— 
schen und der dynamischen, und ihren Unterschied darin ge— 
funden, „daß jene in ihrer Erklärung das geheimnisvolle
	        
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