Full text : Neueste Zeit (Abt. 3)

216 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

nicht mehr erlebt. Vielmehr behauptete, unter dem Einflusse
biblischer Vorstellungen, insbesondere des Schöpfungsgedankens,
die Präformationslehre einstweilen das Feld.
Dies war die Lage, als, mit der steigenden geistigen Be—
wegung des Subjektivismus überhaupt, in dem Augenblicke,
da sich mit dem Verlaufe des literarischen, künstlerischen und
psychologisch-philosophischen Klassizismus zunächst auf diesem
Gebiete das Bedürfnis einer Synthese ergab, auf diesem Wege
auch eine Beruhrung mit dem Verlaufe der naturwissenschaftlichen
Forschung eintrat, die alsbald wenn nicht zu sicheren neuen
Ergebnissen, so doch zu fruchtbaren Hypothefen allgemeineren
und allgemeinsten Charakters führte.
Vergegenwärtigen wir uns für diesen wichtigen Moment
kurz zusammenfassend die Kräfte, die eine Verbindung eingehen
sollten. Die Naturwissenschaften waren in diesem Augenblicke
noch streng in organische und anorganische geschieden; von dem
Bereich der einen schien nicht einmal der schmalste Pfad in den
Bezirk der anderen zu führen. Dabei war auf anorganischer
Seite für Physik und Chemie in der mechanischen Anschauung
eine klare, einstweilen genügende Grundlage erreicht. Freilich
begann dabei eben jetzt, und in steigendem Maße im Ablaufe
der Fusion früher subjektivistischer Weltanschauungen und natur—⸗
wissenschaftlichen Denkens eine Reihe neuer physikalischer Er⸗
scheinungen bekannt zu werden, die später in anderem Zu⸗
sammenhange eingehend darzustellen sein werden, und die eine
Zeitlang die mechanische Anschauung als unzulänglich zu er—
weisen schienen: eine ganze Anzahl noch unübersichtlicher magne—
tischer, elektrischer, galvanischer Vorgänge erregte im höchsten
Grade das Interesse der Zeitgenossen. War damit die Mög⸗
lichkeit einer zwiespältigen Entwicklung angedeutet, in der sich
neben die mechanisch-statische eine dynamisch⸗organische Inter⸗
pretation der Naturvorgänge stellen konnte, so trat ein solcher
Zwiespalt der Auffassungen in den organischen Naturwissen—
schaften noch deutlicher zutage: neben Anfängen chemisch-physio⸗
logischer Untersuchungen, denen schließlich mechanische Inter—
pretationsprinzipien zugrunde lagen, hatten sich vitalistische
            
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