226 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
seine Nation. „Unsere Länderkunde hat in den beiden letzten
Dezennien größere Fortschritte gemacht als sonst in manchem
Jahrhundert.“
Diese Fortschritte hier im einzelnen darzulegen, ist un—
möglich. Wohl aber kann an einem Beispiel gezeigt werden,
um welchen Umschwung es sich handelte. Um die Mitte des
18. Jahrhunderts und auch später galt für die Vorstellungen vom
Alter und Ursprunge der Menschheit noch ganz der Paradieses⸗
gedanke: auch wer sich vom biblischen Wortglauben freigemacht
hatte, lebte damals dennoch der Überzeugung, daß Hochasfien
die Wiege des Menschengeschlechts gewesen sei, und daß das
Alter der Menschheit schwerlich die Ansetzungen der bib—
lischen Zeitrechnung, also etwa 6000 Jahre, überschreiten
werde. Als Buffon dem entgegen zu behaupten wagte, daß
ein jedes der sechs Tagewerke Gottes bei der Erschaffung der
Welt einen Zeitraum von 10-35 000 Jahren umfaßt haben
müßte, erntete er, nach Herders Zeugnis, den Spott der Zeit⸗
genossen.
Und auch noch die ganze zweite Hälfte des 18. Jahr⸗
hunderts verharrte der Hauptsache nach in diesen Vorstellungen.
Nach Herder erzeugte sich in Hochasien, dem am frühesten aus
der Urflut hervorgestiegenen Lande, die Perle der vollendeten
Erde. Und Pallas erschöpfte all seine Gelehrsamkeit, um aus
— Haus⸗
tiere den Schluß zu bekräftigen, daß Hochasien die Ursprungs—
stätte des Menschengeschlechts gewesen sei. Aber auch Majer
vertrat eine solche Lehre, wenngleich er nicht Hochasien, sondern
das tropisch üppige Hindostan zum Urlande der Kultur machte.
Und noch Johannes von Müller, in vieler Hinsicht der re—
präsentative Historiker der Romantik, hat dem Paradieses⸗
gedanken in den angedeuteten räumlichen und zeitlichen Grenzen
gehuldigt.
Einen vollen Umschwung der Anschauungen auf diesem
Gebiete brachte auch der Verlauf der Romantik noch nicht.
Zahlreiche Forscher auch späterer Zeit noch hafteten mit ihren
Vorstellungen an dem wenngleich abgeschwächten Varadieses—