Die Spätromantik.
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Fakultäten, insbesondere die, an denen eine streng systematische
Philosophie Wolffscher Richtung herrschte, sich keineswegs leicht
dazu hätten entschließen können, die neue Disziplin als eben—
bürtig anzuerkennen.
Dennoch ließ sich ihre Zulassung sehr bald nicht mehr
vermeiden; schon die Tatsache brachte das mit sich, daß man
sich mit dem Eintritte des neuen geistigen Zeitalters besonders
rasch von der Vergangenheit entfernte und diese darum ge—
schichtlich zu verstehen und dadurch gerade auch in den kon—
servativen Kreisen möglichst zu bewahren Ursache hatte. Ja
der damit eingeleitete besonders entschiedene geistige Fortschritt
begann in gewissem Sinne schon in den Abschlußzeiten des
Individualismus selbst.
Es war ein wichtiger Vorgang, denn er hatte zur Folge, daß
die Grundlage aller historischen Methode, die Kritik der Quellen,
die sachgemäße Aufbereitung des historischen Materials, anfangs
noch unter dem Gesichtspunkte des historischen Individualismus
erfolgte. Dieser hatte im Grunde nur politische Geschichte im
Sinne einer ziemlich äußerlichen „Historia“ der Taten „derer
Potentatum“, der Könige, Helden, Staatsmänner und Heer—
führer gekannt; und so wurden zunächst der Hauptsache nach
nur die Quellen zur Geschichte dieser, vornehmlich Annalen,
Chroniken, Biographien, Memoiren, Urkunden, wohl auch Akten,
der methodischen Betrachtung unterworfen. Einen systema—
tischeren Anfang hierzu hatte schon Leibniz gemacht; die letzte
Höhe der individualistischen Entwicklung vertrat dann Johann
Jakob Mascop, der ausgezeichnete Leipziger Reichshistoriker
der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts; über seine Grund—
sätze sind auch Spätlinge der individualistischen Historiographie,
wie Friedrich der Große, nicht hinausgegangen. Mascov
trifft zunächst grundsätzlich eine Auswahl unter den Quellen,
insofern er — freilich ohne immer in der Praxis seinem Prin—
zipe treu zu bleiben — als historische Quellen nur Urkunden
und gleichzeitige darstellende Überlieferung zuläßt. Wie aber
nun in diesem engeren Bereiche zwischen Gut und Schlecht
unterscheiden? Da lebt Mascov im Grunde noch des Glaubens,