Die Spätromantik.
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ersten Generationen des Subjektivismus haben dann freilich
die Arbeitsmittel der niederen Methoden außerordentlich ver—
stärkt und darin auch noch für unsere Zeit im allgemeinen
Abschließendes geleistet. Das Entscheidende war das Eindringen
des individualpsychologischen Interesses und des sozialpsycho—
logischen Begriffes der Umwelt, des Milieus, wie beides ohne
weiteres mit primitivsten Vorgängen des subjektivistischen Seelen⸗
lebens schon zur Zeit der Empfindsamkeit, ihrem Freundschafts⸗
kulte z. B. gegeben war. Nun wurde die einzelne Quelle vor
allem auf die Person ihres Urhebers untersucht: wes Geistes
Kind war er gewesen, welche Schicksale hatte er gehabt, kurz,
was war seine innere und äußere Biographie, und welcher Art
mußte demgemäöß seine historische Information sein: das waren
die Probleme, deren Lösung nun gesucht wurde. Und darüber
hinaus wurde die Person des Urhebers jetzt in ihre Zeit
gestellt: was konnte ihr diese an Möglichkeit historischen Ver—
ständnisses gebbdten haben? Da ergaben sich denn außer—
ordentlich schwierige Fragen: zum ersten Male tauchten die
Probleme der ganz anderen Überlieferungsfähigkeit niedriger
Kulturen gegenüber hohen auf: die Probleme des Volksepos
und der Sage und des Märchens, die Probleme mittelalterlichen
Temperaments und mittelalterlicher Beobachtungsgabe. Und
alsbald ergriff man die schwierigsten Stoffe solcher Über—
lieferung, um sie zu sichten, zu charakterisieren, auf Wahr⸗
haftigkeit und Unwaährhaftigkeit ihrer Aussagen zu prüfen.«
Homer mußte sich die Zerlegung und Durchforschung nach
—DDD—
lieferung wurde ihr unterworfen: Friedrich August Wolf und
Barthold Georg Niebuhr bezeichneten mit ihren scharfsinnigen
Arbeiten den Höhepunkt dieser Entwicklung. Vor allem aber
wurde jetzt auch die Historia sacra neben der Historia pro-
fana nach diesen Lehren auf Herz und Nieren gepruft; das
Inspirationsprinzip, wie es die katholische Kirche für die Bibel
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unhaltbar. Und nicht bloß die Verbalinspiration fiel, bald
mußte ihr auch die Realinspiration folgen: und nur die Mög—