Seginnender Realismus.
315
graphischen Verhältnisse nachzuweisen habe, und versuchte sich
vor allem auch in der Durchführung des damit gegebenen
Programmes: so zuerst in der „Erdkunde im Verhältnis zur
Natur und zur Geschichte des Menschen“, 1817, die er auch
als „allgemeine vergleichende Geographie, als sichere Grund—
lage des Studiums und Unterrichts in physikalischen und
historischen Wissenschaften“ bezeichnete. Sollte in diesen Fassungen
noch der Geographie eine gleichmäßig unabhängige Stellung
zu Natur und Geist gewahrt werden, so hat sich doch bald,
und auch in dem Studienverlaufe Ritters selbst, ergeben, daß
die Natur vielmehr zur Basis, die Geschichte aber zum Ziel
geographischer Betrachtung gemacht werden mußte. Natürlich
aber kam in diesem Falle alles darauf an, wie der Weg auf⸗
gefaßt und gestaltet wurde, auf dem dies Ziel zu erreichen
war. Hier war nun klar, daß eine erste Aufgabe in nichts
anderem als in einer Beschreibung der Erdgestaltung mit Rück—
sicht auf historische Gegebenheiten bestehen konnte. Diese
Morphographie vor allem hat nun Ritter in seiner späteren
großen Geographie meisterhaft gehandhabt. Darüber hinaus
aber konnte man dann zu einer vergleichenden Zusammenfassung
verwandter Gestaltungen fortschreiten und untersuchen, in welcher
Weise diese abweichend oder identisch auf geschichtliches Geschehen
gewirkt hätten. Auch eine solche vergleichende Geographie hat
Ritter früh ins Auge gefaßt; und eben zu ihr wurde er vor allem
durch Alexander von Humboldt, mit dem er innige persönliche
Beziehungen hatte, immer wieder angeregt. Allein indem er
hier den geographischen Faktor stärker als den historischen,
ja sozusagen fast isoliert ins Auge faßte, verschob sich ihm nicht
selten das Objekt der Forschung und trübte sich sein Blick:
und wo er Bedingungen festzustellen hatte, da sah er geo—
graphische Ursachen menschlicher Geschichte. Es war ein Abweg
der Forschung, der in einer Zeit, da Hegels posthumer Einfluß
stark auf alle Wissenschaften wirkte, nicht ohne Bedenken war;
wie sich, betrat man ihn ganz, die Betrachtung der Dinge ver—
schieben konnte, das zeigt vielleicht am besten Kapps Philosophie
der Erdkunde vom Jahre 1845.