Beginnender Realismus. 328
vorgänge zu unterscheiden suchte: den Prozeß der Aneignung
von Reizen, den Prozeß der Bildung neuer seelischer Kräfte,
die uns noch verhältnismäßig elementar erscheinen, den Prozeß
der Übertragung und Ausgleichung von Reizen und Vermögen,
und endlich den Prozeß der gegenseitigen Anziehung und Ver—
schmelzung gleichartiger seelischer Gebilde. In der Tat hat
er damit Probleme aufgestellt, die für jede tiefere geistes⸗
wissenschaftliche Arbeit, mochte sie individualpsychologischer oder
sozialpsychologischer Art sein, von der größten Bedeutung werden
mußten: denn sie bewegten sich eben, noch oberhalb der ein—
fachsten psychischen Vorgänge, wie sie später die experimentelle
Psychologie festgestellt hat, auf jenem Niveau, in jenem Stock⸗
werke gleichsam des psychischen Lebens, an das sich das historische,
überhaupt das höhere geisteswissenschaftliche Interesse knüpft.
Eine andere Frage war freilich, ob Beneke imstande sein würde,
diesen Zusammenhang so deutlich klarzulegen und die von ihm
formulierten Aufgaben so weitgehend und augenscheinlich sicher
zu lösen, wie das zur Einführung ihrer Ergebnisse und der
ihr zugrunde liegenden Denkart in den geisteswissenschaftlichen
Betrieb notwendig schien. Und in diesem Punkte versagte
dann allerdings noch seine Autorität und sein System: sein
Denken war frühreif; und im Grunde ist es eine Vorfrucht
nur für klarere Ergebnisse und Studienrichtungen der zweiten
Periode des Subjektivismus geblieben.
Zudem war inzwischen eine andere neue psychologische
Lehre aufgestellt worden, die auch gegen alle metaphysischen
Psychologien der Identitätsphilosophen Front machte, die weiter—
hin ebenfalls den starken naturwissenschaftlichen, insbesondere
mathematisch-physikalischen Neigungen des Realismus entgegen⸗
kam: sich aber zugleich doch nicht allzu stark von einigen der
noch immer sehr beliebten metaphysischen Voraussetzungen frei⸗
hielt: mithin einen überlegenen Wettbewerb gegenüber den Ge—
danken Benekes bedeutete. Es war die Lehre Herbarts (1776
bis 1841). Herbart war von der Erkenntnistheorie Kants
ausgegangen. Aber er hatte sie nicht frei von Widersprüchen
gefunden, wie sie namentlich in den in der Erfahrung gegebenen
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