Beginnender Realismus. 325
ausgebaut. Und da ergaben sich denn Sätze, wie der von der
Hemmungssumme, wonach bei gleichzeitiger Existenz mehrerer
einander partiell oder total entgegengesetzter Vorstellungen in
der Seele von ihnen so viel gehemmt, d. h. unbewußt werden
muß, als die Intensität sämtlicher Vorstellungen mit Ausnahme
der stärksten beträgt; und dergleichen mehr.
Allein ließen sich nun bei einem solchen Gange der Unter—⸗
suchung Ergebnisse erwarten, die den Geisteswissenschaften un—
mittelbar zugute kommen konnten? Offenbar hatte sich hier
eine radikale Abwendung von allem Historischen und damit
Kernhaft-Geisteswissenschaftlichen eingestellt; und Sätze, wie
der angeführte, forderten wohl zur Begründung einer ex—
perimentell⸗elementarsten, sozusagen untergeschichtlichen Psycho—
logie auf, für die sie einen ersten gleichsam nur rechnerischen
Voranschlag bieten mochten: hatten aber mit dem methodo—
logischen Betriebe vor allem der Geschichtswissenschaft nichts
zu tun.
Und so blieb denn auch diese Psychologie im allgemeinen
geisteswissenschaftlich unfruchtbar, soviel es auch Herbartianer, so
Drobisch und Strümpell, Lazarus und Steinthal, gegeben hat,
und nur für ein historisch zunächst noch sehr elementares und in
den Zeiten des Realismus und des Epigonentums noch wenig
angebautes Gebiet, das der Völkerkunde, gelangte sie zur Wirkung.
Daneben hat freilich Herbart, wie übrigens auch Beneke, die
Pädagogik wesentlich beeinflußt. Herbart konnte hierbei den
Vorteil wahrnehmen, sich zunächst an Pestalozzi anzuschließen.
Doch ergab sich ihm wie zum Teil auch Beneke aus der ein—
seitig intellektualistischen Anschauung des Seelenlebens die
praktische Folgerung, daß die Erziehung vor allem die Durch—
bildung der Verstandesinteressen, und zwar in möglichst harmo—
nischer Form, nur mit Betonung der besonderen Begabung,
zu bezwecken habe: „Alle müssen Liebhaber für alles, jeder
muß Virtuose in einem Fache sein.“ Dies war nun eine
Richtung in der Erziehungslehre, die der steigenden Berufs⸗
differenzierung in der Nation allerdings entgegenkam. Allein
mit ihrer einseitigen Betonung des Verstandes, mit ihrer