Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

342 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel. 
Staatenhistorie, welche nichts ist als eine genetische Definition 
vom Phänomen des gegenwärtigen politischen Zustandes einer 
Nation, kann nicht für eine reine Kunst oder Wissenschaft 
gelten. Sie ist ein wissenschaftliches Gewerbe, das durch Frei— 
mütigkeit und Opposition gegen Faustrecht und Mode geadelt 
werden kann.“! Die Verbindung mit der Politik vermochte 
über den Mangel an allgemeiner gedanklicher Systematik hin⸗ 
wegzutäuschen, konnte das Fehlen breiter universaler Gedanken— 
reihen scheinbar ersetzen. Und wir werden sehen, wie sich auf 
dieser Grundlage in Deutschland alsbald eine glänzende po— 
litische Geschichtschreibung erhoben hat, sobald, mit den vierziger 
und fünfziger Jahren, in Liberalismus und Einheitsbewegung 
die Vorbedingungen eines großen allgemeinen politischen Inter⸗ 
esses gegeben waren: auch hier mündete der reine Realismus 
in Politik. 
Einstweilen aber, in den dreißiger Jahren, war dies Inter— 
esse noch nicht so stark vorhanden. Und so half man sich, auf 
der Grundlage des Surrogats, nochmals mit einem Surrogate. 
Das Interesse an der fremden politischen Geschichtschreibung 
erwachte. Vor allem an der Frankreichs. Denn hier war in 
der Tat seit den zwanziger Jahren eine gewaltige Literatur 
im Aufblühen begriffen, die, namentlich von der künstlerischen 
Seite her betrachtet, wohl geeignet schien, Anteilnahme zu 
wecken: 1828 und 1824 waren Mignet und Thiers mit den 
Anfängen ihrer Geschichte der französtschen Revolution hervor— 
getreten; 1825 hatte Thierry seine Geschichte der Eroberung 
Englands durch die Normannen herausgegeben, der dann die 
Erzählungen aus der Merowingerzeit und die Geschichte des 
Fiers état folgten; und Guizot hatte sich 1826 in seiner Ge— 
schichte der englischen Revolution in die erste Reihe der französi— 
schen Historiker gestellt. Diese Übermacht geschichtlichen Schaffens 
drang nun seit den dreißiger Jahren immer stärker über den 
Rhein, und „so hat es geschehen können, daß nicht bloß der 
historische Geschmack, sondern auch das historische und damit 
Athenaeum 12 S. 60.
	        
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