Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Forischritte des politischen Denkens. 449 
herzustellen und zu erhalten. Er wird dieser Aufgabe am 
besten gerecht werden, wenn er sich auf die mittelalterlichen 
Staatsziele: Ordnung und Recht, Friede und Gerechtigkeit, 
beschränkt. Und er wird seinen Zweck am trefflichsten erfüllen, 
wenn er eine Rechtsordnung gewährleistet, die den kirchlichen 
Idealen vorarbeitet. Hierzu gehört vor allem eine Eigentums⸗ 
ordnung, welche die an jedem Eigentum, vor allem aber an 
dem monopolistischen Eigentum des Grundes und Bodens 
haftenden besonderen sittlichen Pflichten scharf betont und am 
besten etwa durch starkes Staatseigen am Boden, vielleicht 
sogar durch Bodenregal, zum Ausdrucke bringt. Und hierher 
gehört noch mehr die Forderung, daß der Staat über die 
Stabilität seiner Ordnungen keinen Zweifel lasse und dadurch 
deren ewigen, unabänderlichen, religiös-dogmatischen Kern deut⸗ 
lich hervorhebe. 
Sind es damit, politisch betrachtet, nicht Anschauungen 
des strengsten Konservatismus, die, bei dem kirchlichen Charakter 
des passierten Milieus sehr begreiflich, doch schließlich aus tiefsten 
psychischen und philosophischen Grundlagen der Romantik her— 
vorgehen? Anschauungen, denen vor allem die Landwirtschaft 
mit ihren natürlichen Verbänden agrarischen Charakters sym⸗ 
pathisch sein muß, — die schon früh auch eine deutliche Ab⸗ 
neigung gegen das drohende Übergewicht des Industrialismus 
verraten? Aber sind es nicht zugleich wieder Anschauungen, die, 
sozial und teilweise sogar auch politisch betrachtet, nicht minder 
demokratische Neigungen ausdrücken? In welche der aristo— 
kratisch-demokratische Doppelcharakter gleichsam des Christentums 
und seiner Offenbarung, des Neuen Testaments, übergegangen 
erscheint? In denen vor allem den Armen das Evangelium ge⸗ 
predigt wird? Schon in dieser keimhaften Entwicklung kündigt 
fich der zugleich aristokratische und demokratische, der exklusive 
und der Massencharakter namentlich des künftig vollentwickelten 
Klerikalismus, zugleich aber auch die Möglichkeit einer Massen— 
entwicklung jeder Art des Konservatismus und damit das Ge⸗— 
heimnis ihrer stärksten politischen Wirkungen an. 
Das Bild der klerikalen Anschauungen aber erscheint 
Lamprecht, Deutsche Geschichte. X. 29
	        
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