Full text : Neueste Zeit (Abt. 3)

458 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.

seine Seele vielmehr Persönlichkeit war: mußte es da nicht an⸗
gemessen erscheinen, daß dem Edelmann vom sichersten Besitze,
dem Grundeigen, wenigstens das Nahrungsnotwendige durch die
Staatsgewalt garantiert werde? So ergab sich der Gedanke
starken königlichen Grundeigens, der Gedanke des Lehnswesens
und, auf einer weiteren Stufe schon zu modernerem Denken, der
Gedanke des Fideikommisses — und mit ihnen die Idee der
Grund- und Gutsherrschaft, der patrimonialen Rechtspflege und
des patriarchalischen Verhältnisses zur Bauernschaft. Wurden
aber wiederum diese anerkannt, so mußten die Reformen der
Steinschen Zeit, wie sie einst gegen den Willen der Junker in
ihrer Mehrheit durchgeführt worden waren, auch jetzt noch
als Ausgeburt alles politisch Bösen erscheinen und erst recht
die auf sie aufgebaute Gesetzgebung nach dem Prinzip der
wirtschaftlichen Freiheit und dem Grundsatze des freien Wett⸗
hewerbs. Und von hier aus mochten denn die herbsten Reflexe
auch auf die Vorstellung von der Einzelpersönlichkeit überhaupt
fallen. Sollte sie denn wirklich so frei sein? Durfte es in der Tat
als ein Grundrecht der Deutschen gelten, wie Heringe nach der
Stückzahl in Betracht zu kommen? Die Linien eines Feudal⸗
konservatismus gewannen Gestalt, dessen Forderungen mit der
Gegenwart je länger je weniger reale Beziehung hatten.
Tröstet an diesem Verlaufe ein Moment, so ist es das
der doch sehr vielfach durchaus idealistischen, ja eigentlich ideo—
logischen Gesinnung, die all diesen Theorien und Meinungen
zugrunde lag. Denn so sehr sich allmählich der Schwerpunkt
innerhalb der gesamten Zeitanschauung vom Philosophisch-Mystischen
 in das Politisch-Praktische verlegt hatte, so war
doch auch um 1840 die Grundstimmung noch immer durchaus
dem Allgemeinen zugewendet, und Wirklichkeitsfragen wurden
auch jetzt noch nicht nach Zweckmäßigkeit oder gar Interesse,
sondern nach Prinzipien beantwortet. So vermochten z. B. die
Gerlachs und viele mit ihnen, ja bis zu einem gewissen Grade
sogar Ranke, selbst so große Gegensätze der praktischen Welt,
wie Revolution und Legitimismus, noch immer in Ideen auf⸗
zulösen und über diese hinaus wiederum gegen religibse Gewiß—
            
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