Fortschritte des politischen Denkens. 457
so scheiterte der protestantische Konservatismus an der Be—
antwortung dieser praktisch schließlich wichtigsten Frage. Gewiß
haben die Gerlachs, hier einmal mit dem Freiherrn vom Stein
einverstanden, an den Aufbau einer ständischen Vertretung von
den unteren autonomen Kreisen, aus den Kommunaltagen und
Landtagen her gedacht: doch fehlt viel, daß sie diese Meinung
ernstlich ausgebaut, geschweige denn für deren Verwirklichung
ihre Hände entschieden gerührt hätten. Im ganzen begrenzten
sie sich doch — und hierin lag der politische Fehler und das
moralische Verfehlen des Konservatismus — auf die politische
Betonung ihres Standes. Da hat denn vor allem Ludwig
von Gerlach viel Schönes über Standessitten und deren Be—
deutung namentlich im Hinblick auf adlige Sitten gesagt; im
ganzen aber genügte den Adelskreisen eben doch ihre eigene
Vertretung: und sie fanden sie in den fünfziger Jahren nicht
nur legitim in der Kammer, sondern noch ein zweites Mal
illegitim in der Kamarilla.
Zeigte sich in diesen Zusammenhängen bei den Konservativen
die Grenze lauteren Denkens und durchgreifenden Mutes,
so ist freilich nicht zu verkennen, daß sich in ihnen auch zwei
vielleicht gleichmächtige Bahnen des konservativen Denkens
kreuzten und teilweise gegenseitig aufhoben. Konservativ hieß
im protestantischen Preußen noch ungleich mehr als im klerikalen
Süd- und Westdeutschland zugleich auch agrarisch. Und neben
der gottlosen Lehre von der Volkssouveränität stand für den
Junker als fast gleich wichtig die verhaßte Lehre des Liberalis⸗
mus von der Freiheit wie des Eigens überhaupt, so vor allem
des Grundeigens. Denn dem Junker war Grundeigen seit
Menschengedenken mit sozialer, administrativer, politischer Macht
verknüpft: und so begriff er es, dachte er edel, eigentlich nur
als ein exklusives Substrat staatlicher und sittlicher Pflichten,
ja als ein wirtschaftliches Pudendum vielleicht, als einen bloßen
Schein, dessen er aber bedürfe, um politisch aufrecht zu handeln.
Wie es Ludwig von Gerlach einmal ausgedrückt hat: „Den
Rücken gegen den Mist, die Front gegen den Feind, das ist
adlig.“ Wenn aber so der bloße Besitz nicht Kern des Adels,