Fortschritte des politischen Denkens. IJ 461
Gliederung entsprechende und daher organische Spitze des ge⸗—
samten Staates ergebe. Diese Forderungen aber bringen in
ihrer Grundlage ja nichts anderes zum Ausdruck als jene
Struktur des geistigen und seelischen Lebens, die als subjektiv
bezeichnet werden muß, und die sich in Deutschland seit der
Mitte des 18. Jahrhunderts, seit den Tagen der Empfindsam—
keit schon in reichem Stufenausbau entwickelt hatte.
So ist es denn klar, daß die Forderung einer organischen
Staatsanschauung nicht bloß Eigen der konservativen Ideen⸗
bildung sein, daß sie vielmehr in ganz gleichem Maße dem
Liberalismus angehören mußte — und daß die konservative
Ideenbildung genauer eben erst durch das christlich-kirchliche
Ingrediens charakterisiert ist. Es ist ein Zusammenhang, der
für das tiefere Verständnis der politischen Vorgänge im
19. Jahrhundert scharf im Auge behalten werden muß, und
der nur erst spät und insoweit an Wichtigkeit verliert, als
selbst konservativen Kreisen allmählich der lebendige Odem des
Christentums, so namentlich auf protestantischer Seite, ent—
schwindet.
Für den Liberalismus aber ergibt sich, daß er, wollte er
elementar wirken, vor allem auch eine organische Staatslehre
von seinen Prinzipien aus: und das heißt eine mehr die
Rechte des einzelnen betonende, mehr individualistisch-organische
Staatsanschauung entwickeln mußte.
Ist nun dies Problem von den liberalen Kreisen, wie sie
bornehmlich mit dem fortschreitenden Bürgertum zusammen⸗
fielen, glatt und glücklich gelöst worden?
Man muß sagen, daß das Ziel selbst bis heute noch nicht
erreicht ist.
Die Schwierigkeiten lagen vornehmlich darin, daß eine
stärkere Betonung der Rechte des einzelnen im organischen
Staate nur zu leicht in die Staatstheorien des individualisti—
schen Zeitalters zurückwerfen konnte, und dies besonders leicht
wieder in den Zeiten des aufkommenden Realismus seit dem
BVgl. dazu schon Band IX, S. 288 ff.