Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Fortschritte des politischen Denkens. 465 
Doktrin. Aber war damit deren individualistischer Charakter 
zebrochen? 
Zur Bildung eines wirklichen Systemes oder wenigstens 
zur Absicht einer vollen Systembildung brachte es zunächst nur 
Wilhelm von Humboldt!. Aber sein Versuch, die Grenzen der 
Wirksamkeit des Staates zu bestimmen, erschien zunächst nicht 
in der Offentlichkeit. 
Dann konnte es scheinen, als ob die Rechtsphilosophie Kants 
eine erstmalige theoretische, das Reformwerk Steins eine erst— 
malige praktische Lösung bringen würde. 
Aber wir wissen es schon?: Steins Wirksamkeit gelangte 
nicht bis zur Lösung der oberen politischen Probleme, die hier 
in Frage stehen: so sehr er für Preußen die Fundamente eines 
organischen Staatslebens vielfach unzerstörbar legte, so wenig 
wurden seine Ratschläge und Projekte für die Bildung einer 
obersten Volksvertretung Wirklichkeit. 
Kant aber konnte zunächst in seiner Lehre vom Staate noch 
an keinerlei frühere Vertreter einer wirklichen organischen Staats— 
lehre anknüpfen. Es muß betont werden, daß Schlözer noch den 
Staat ausdrücklich als „künstliche, überaus zusammengesetzte 
Maschine“ bezeichnet hat, daß Möser dem Begriffe der Staats— 
persönlichkeit noch fern stand und sogar die Nation „fkein in sich 
einiges Wesen“ nannte, ja daß selbst Herder den Staat noch fast 
ganz mechanisch faßte: mitnichten hatte sich die deutsche öffentliche 
Meinung des ausgehenden 18. Jahrhunderts, namentlich auch 
soweit sie fortschrittlich gesonnen war, schon einer organischen 
Auffassung des Staates genähert; und nur in den einstweilen 
engen Kreisen der Frühromantik regten sich, wie erzählt worden 
ists, schon allgemeiner erste Vorstellungen subjektivistisch-organi— 
scher Grundlegung des Staates. So versteht es sich, daß 
auch Kant mit der individualistischen Auffassung noch keineswegs 
höllig brach. Auch ihm ist der Staat noch die Summe der 
S. Band IX, S. 116 ff. 
S. Band LX Personenregister u. d. W. Stein. 
3S. oben S. 442 ff. 
Lamprecht, Deutsche Geschichte. X. 
—
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.