Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Fortschritte des politischen Denkens. 475 
Führung der Ereignisse so ganz den Absichten einer prinzipiellen 
Opposition gerecht werden? Dazu gab es noch andere Gründe, 
die zur Bevorzugung der Erzählung führten. „Vor dem 
Theater sind Gendarmen aufgestellt, die das Drama bewachen. 
Die Novelle flüchtet sich auf die Stube, wo es keine Gendarmen 
zibt. In seiner Stube glaubt der Deutsche an die Freiheit 
und an ein höheres Nationalleben. Da sieht er fast so aus, 
als könnte ihn die Weltgeschichte noch einmal brauchen.““ 
Indem nun aber die literarische Erzählung Gefäß der 
systematisch anhebenden Opposition wurde, mußte zugleich auch 
ihre bisher romantische Form weitergebildet werden; denn diese 
war zur Trägerin einer Bewegung, die die Welt realistisch 
sehen wollte, wenig geeignet. Eine an sich schon gewaltige 
Anderung! Denn mit welcher Wucht beherrschte die Romantik 
doch auch um 1880 noch die literarische Produktion; noch im 
Jahre 1827 hatte ihr z. B. sogar der spätere Marschall Moltke 
(geboren 1800) in einer nicht üblen Novelle gehuldigt. Dem— 
zgegenüber kam man nicht eben rasch zu gründlicher formaler 
Wandlung. Man blieb noch überschwenglich in jeder Richtung, 
man karikierte und man übertrieb in Veredlung; man schwankte 
haltlos zwischen wahr und unwahr, zwischen gut und böse: 
and nur das eine ergab sich je länger je mehr: daß die Pro— 
duktion nicht mehr so sehr von den Kräften der Phantasie, 
wie denen der Reflexion und des Verstandes geleitet wurde. 
Dieser innere Umschwung aber, sekundiert durch das Auftauchen 
aeuer Stoffe, die bald im eigentlichsten Sinne dem grellen 
Lichte der Gegenwart angehörten, hatte denn doch zur Folge, 
daß man, verglichen mit der Romantik, die Wirklichkeit immer 
fester faßte. Dabei blieb freilich bis zuletzt noch manches im 
Charakter schwankenden Übergangs; die dargestellten Personen 
waren immer noch meist nur Schemen und mit der Draperie 
—V——— Gestelle, unfähig, auf den Beinen 
zu stehen und, wie es Seraphine in dem gleichnamigen Romane 
Butzkows vom Jahre 1838 ausdrückt, „sich selbst ein Rätsel“. 
mMundt a. a. O.
	        
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