492 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.
„Verzweiflung am Weltzweck“ entdeckte. Natürlich war damit dem
Christentum aller Boden entzogen, und religiös wirken konnte
es in dem Bereiche dieser Gedanken höchstens noch als senti—
mentale Erinnerung. „Es war Sonntag. Die Glocken läuteten,
aus der nahen Kirche brausten die Töne der Orgel herüber.
Wally war in Tränen aufgelöst. Kann man dem Himmel ein
schöneres Opfer bringen? Diese Tränen flossen aus dem Weih—
becken einer unsichtbaren Kirche. Die Gottheit ist nirgends
näher, als wo ein Herz an ihr verzweifelt.“ Denn nach
Gutzkows Meinung hatte dieser Faustszene kein „Die Erde hat
mich wieder“, geschweige denn ein „Sei mir Sünder gnädig“
zu folgen. Selbst der Protestantismus erschien ihm als nichts
denn als ein mystischer Gottesdienst mit Beschränkung auf
einen Gott in drei Hypostasen; und wie er diese Behauptung
im ganzen aussprach, so ließ er es auch im einzelnen, wenn es
auf die Kritik des Christentums ankam, an drastischen Be—
merkungen nicht fehlen. „Es scheint fast, daß die Apostel
Menschen von borniertem Verstande waren, daß sie überhaupt
viel Ahnlichkeit mit unseren Theologen hatten und daß es
zuletzt nicht ohne typische Vorbedeutung war, wenn neben der
Krippe Jesu gleich ein Ochs und ein Esel standen.“
Man wird schwerlich glauben, daß eine solche Polemik
mehr als von vornherein von ihrer Tendenz Überzeugte fesseln
konnte; und es bedurfte ihr gegenüber kaum des Bundestags-
beschlusses vom Dezember 1835. Doch zeigt der Verlauf der
jungdeutschen Opposition in ihrem rapiden Zeitmaße, wie weit
die Abwendung vom Christentum der Kirche schon gediehen
war, und wie stark religiöse Fragen — vielleicht weit mehr
als politische — die Mitte der dreißiger Jahre bereits erregten.
Da war es denn von ausschlaggebender Bedeutung, daß
die kirchlich-religiösse Opposition nicht in den Reihen der
Jungdeutschen endete, sondern eben in dem Augenblicke, da
diese verstummten, an die Sachverständigen, die Theologen,
überging.
Der Gegensatz zwischen dem autoritativen Bibelglauben der
protestantischen Dogmatik des 16. und 17. Zahrhunderts und