Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 601
In letzterer Hinficht war es von Wert, daß die neue
Grenze gegen Frankreich, mit Metz und Straßburg, einem
französischen Angriff die größten Schwierigkeiten entgegenstellte.
Denn diese Grenze, die eine Verteidigung des Reiches schon an
der oberen Mosel nicht ausschließt, legte die französische Haupt⸗
stadt für deutsche Angriffe um einige strategische Abschnitte näher
als bisher; und die Franzosen haben wohl gar, sehr über⸗
trieben, ausgesprochen, daß sie sich erst an der Loire verteidigen
könnten. Aber noch blieb hier eine Lücke, die gefährlich werden
konnte, Luxemburg. Sie vor allem mußte verstopft werden.
Zu dem Zwecke hatte Bismarck schon seit März 1872 im Ver⸗
folg der Übernahme der französischen Eisenbahnen in Elsaß⸗
Lothringen über den Ankauf der luxemburgischen Wilhelmsbahn
verhandelt, deren Verwaltung durch die französische Ostbahn
eine beständige Bedrohung des Moselabschnittes um Trier. be⸗
deutete. Und es kam hier zu einem Vertrag vom 10. Juni 1872,
wonach die Wilhelmsbahn gegen Entschädigung von 54 Millionen
Mark bis zum Jahre 1912 in die Verwaltung der Reichs—
eisenbahnen überging; gleichzeitig begab sich Luxemburg des
Rechtes, bis zu diesem Termin den deutschen Zollverein zu
kündigen, wogegen das Reich die Achtung strenger Neutralität
im Kriegsfall aussprach.
War damit die unmittelbare Grenze gegen Frankreich be—
friedigend gedeckt, so galt es daheim vor allem die Wieder⸗
herstellung des Kriegsmaterials und eine neue Vorbereitung
gegenüber jeder kriegerischen Bedrohung. Hier konnte man
reichlich vorgehen: die Mittel waren in den Milliarden der
französischen Kriegsschuld vorhanden. So wurde denn eine große
Summe von Bargeld in dem Juliusturm zu Spandau als Kriegs⸗
schatz für die ersten Nöte einer neuen Mobilmachung niedergelegt;
die wichtigsten Festungen wurden zum großen Teile umgebaut
und erweitert, eine Fülle strategischer Bahnen geplant und aus⸗
geführt, endlich das Heerwesen den neuen Verhältnissen an⸗
gepaßt.
Daneben war auch in Frankreich die politische Lage mög—
lichst in dem Sinne zu beeinflussen, daß der Ausbruch eines
Lamprecht, Deutsche Geschichte. XI. 2. 39