Object: Neueste Zeit (Abt. 3)

Die Spätromantik. 
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heute noch immer wieder erhobene Klage über die Formlosigkeit 
der Romantik besonders auch auf dem Gebiete der Musik richtig 
würdigen. Allerdings: die alten großen Formen des Klassi— 
zismus wurden nicht mehr streng beobachtet oder verfielen: so 
die Sonate, die Symphonie: hat doch Tieck im Beginne des 
Lustspiels „Die verkehrte Welt“ gar den Versuch gemacht, eine 
Symphonie in Worten zu komponieren. Aber es waren Formen 
der Instrumentalmusik, wie sie der Klassizismus eben aus seinem 
Bedürfnisse heraus, zur Belebung der musikalischen Empfindung 
etwa gegenüber dem im bol canto der italienischen Oper er— 
starrten Gesange, geschaffen hatte. Jetzt handelte es sich um 
ein anderes, um die Belebung eben des Gesanges wiederum 
selbst; denn in ihm vor allem empfand sich die Musik als der 
Sprache und Dichtung verbunden. Und auf diesem Gebiete 
sind gerade von den Musikern der Romantik zwei ebenso bieg— 
same wie andrerseits wieder strenge Formen erst recht geschaffen 
und durchgebildet worden: das Lied und die deutsche Oper; 
mit welch reichem und steigendem Erfolge, wird bald zu er— 
zählen sein. Freilich läßt sich auch für sie wieder sagen, daß 
es nicht eigentlich bloß musikalische Formen sind; sie sind nicht 
Gehäuse von strengster, rein architektonischer Fügung einer 
absoluten Musik; das Moment der Poesie klingt in ihnen auf; 
und das Lied verhält sich als einfachste Komponente, als Zelle 
gleichsam zur Oper, wie in der dichterischen Epik die Szene zum 
Roman und im Drama Monolog und Szenenbildung zum Akt 
und zum Ganzen der Akte. Allein enthält das Wort Friedrich 
Schlegels, daß die Baukunst eine „gefrorene“ Musik sei, nicht 
eine tiefe Wahrheit? Die Zeit der Romantik jedenfalls lebte 
in den geschilderten Zusammenhängen, ja suchte sogar die 
Instrumentalmusik ganz in sie hineinzuziehen. „Wer Sinn für 
die wunderbaren Affinitäten aller Künste und Wissenschaften 
hat,“ heißt es im Athenaeum!, „wird .. eine gewisse Tendenz 
aller reinen Instrumentalmusik zur Philosophie an sich nicht 
unmöglich finden. Muß die reine Instrumentalmusik sich nicht 
1, 2, S. 144.
	        
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