Die Spätromantik.
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heute noch immer wieder erhobene Klage über die Formlosigkeit
der Romantik besonders auch auf dem Gebiete der Musik richtig
würdigen. Allerdings: die alten großen Formen des Klassi—
zismus wurden nicht mehr streng beobachtet oder verfielen: so
die Sonate, die Symphonie: hat doch Tieck im Beginne des
Lustspiels „Die verkehrte Welt“ gar den Versuch gemacht, eine
Symphonie in Worten zu komponieren. Aber es waren Formen
der Instrumentalmusik, wie sie der Klassizismus eben aus seinem
Bedürfnisse heraus, zur Belebung der musikalischen Empfindung
etwa gegenüber dem im bol canto der italienischen Oper er—
starrten Gesange, geschaffen hatte. Jetzt handelte es sich um
ein anderes, um die Belebung eben des Gesanges wiederum
selbst; denn in ihm vor allem empfand sich die Musik als der
Sprache und Dichtung verbunden. Und auf diesem Gebiete
sind gerade von den Musikern der Romantik zwei ebenso bieg—
same wie andrerseits wieder strenge Formen erst recht geschaffen
und durchgebildet worden: das Lied und die deutsche Oper;
mit welch reichem und steigendem Erfolge, wird bald zu er—
zählen sein. Freilich läßt sich auch für sie wieder sagen, daß
es nicht eigentlich bloß musikalische Formen sind; sie sind nicht
Gehäuse von strengster, rein architektonischer Fügung einer
absoluten Musik; das Moment der Poesie klingt in ihnen auf;
und das Lied verhält sich als einfachste Komponente, als Zelle
gleichsam zur Oper, wie in der dichterischen Epik die Szene zum
Roman und im Drama Monolog und Szenenbildung zum Akt
und zum Ganzen der Akte. Allein enthält das Wort Friedrich
Schlegels, daß die Baukunst eine „gefrorene“ Musik sei, nicht
eine tiefe Wahrheit? Die Zeit der Romantik jedenfalls lebte
in den geschilderten Zusammenhängen, ja suchte sogar die
Instrumentalmusik ganz in sie hineinzuziehen. „Wer Sinn für
die wunderbaren Affinitäten aller Künste und Wissenschaften
hat,“ heißt es im Athenaeum!, „wird .. eine gewisse Tendenz
aller reinen Instrumentalmusik zur Philosophie an sich nicht
unmöglich finden. Muß die reine Instrumentalmusik sich nicht
1, 2, S. 144.