Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Bildende Kunst. 
errungenen Eigenschaften behalten: regen Sinn für technischen 
Fortschritt, dabei Großzügigkeit und Einfachheit, beides aber in 
der weichen Umwelt der ausgesprochensten Erscheinungen der 
Luft und des Lichtes. Spuren dieser Auffassung zeigte Lieber— 
mann schon, da er noch vor dem Pariser Aufenthalt als 
Schüler der Weimarer Akademie das Volk bei seiner Arbeit zu 
belauschen begann („Gänserupferinnen“ von 1872). Und Fort— 
schritte in ihr brachten, freilich unter starkem Einfluß Millets, 
die „Arbeiter im Rübenfeld“, die „Schusterwerkstätte“, die 
„Bleiche“ und das „Münchener Bierkonzert“. Ganz aber fand 
sich Liebermann doch erst in holländischen Vorwürfen; da ist 
eines seiner schönsten Bilder der „Hof des Waisenhauses zu 
Amsterdam“ (1881) geworden, wenn auch andere Stücke, wie 
die „Frau mit den Ziegen“ oder der „korbtragende Mann“ in 
Dünenlandschaft, charakteristischer sein mögen: denn vor allem 
weiß er den milden Silberglanz einer von Sonnenlicht durch— 
wirkten, von keinerlei Baulichkeiten eingeengten Luft zu erfassen. 
Im übrigen blieb Liebermann in Deutschland als Meister 
der neuen Kunst nur kurze Zeit allein, wenn er auch zunächst 
alle Stöße widerwilliger Aufnahme und höhnender Ablehnung 
zu ertragen hatte. Verhältnismäßig rasch drang die neue Art 
durch, und nach fünfzehn Jahren etwa hatte sie gesiegt — und 
mit ihr eine große Anzahl auch der Fortschritte, die in Frank⸗ 
reich zu Manet und, wie wir gesehen haben, über Manet hin⸗ 
aus geführt haben. Ja wie die Vlamen so sind auch die 
Deutschen ein Volk eifriger Experimentierer geworden; und wie 
die Fortschritte zur Lichtkunst sich in Frankreich bei genauerer 
Betrachtung als weniger von den romanischen denn von den 
germanischen Bestandteilen der Nation getragen ergeben, wie 
Italiener und Spanier auf diesem Gebiete künstlerischer Ent— 
wicklung fast ganz unfruchtbar geblieben sind, so haben sich 
neben Deutschen und Vlamen vor allem auch die Nordgermanen 
der neuen Technik angenommen, auch sie, wie Deutsche und 
Vlamen, Bewohner nebelreicher, sonnendunstiger Länder, eines 
Himmelsstriches, in dem sich das Licht empfänglichen Augen mit 
der Wucht des Körperlichen aufdrängt.
	        
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