IV.
1. Man wird vielleicht in dieser Darstellung der modernen
deutschen Malerei die Erwähnung der noch fortwirkenden alten
Kunst erwarten, die doch noch immer so bedeutende lebende
Vertreter hat wie Lenbach. Es würde zu Unrecht geschehen.
Denn dies Buch hat keinen statistischen Charakter, sondern
entwicklungsgeschichtlichen, und darum interessiert hier nicht
alles und jedes an unserer Zeit, selbst nicht einmal alles Be—
deutende, sondern nur der Inbegriff derjenigen Momente, die
in entscheidender Weise den jüngsten Vorgang der Entwicklung
kennzeichnen.
Was bedeutet es nun in dieser Hinsicht, wenn sich seit
etwa den neunziger Jahren in Deutschland — wie übrigens
auch in Frankreich — gewisse Seiten der alten Kunst wieder
mehr geltend machen? Wir stehen im Beginn einer Erscheinung,
die nach Jahrzehnten starker seelischer Entwicklung fast regel⸗
mäßig zu Tage tritt. Die neue Bewegung ist bis an die
äußersten Grenzen der Ausdehnung ihrer Lebensfähigkeit ge—
langt, sie fängt an, sich, wie ein durch den Pflug aufgelockerter
Acker, zu setzen, und nun beginnt die Zeit der Verschmelzung
mit dem Alten: noch lebendige Kräfte aus den tieferen Schichten
der Entwicklung steigen auf und beginnen in den verschiedensten
Verbindungen mit den neuen das ständige, dauernde Amalgam
einer längeren neuen Periode des Volkslebens zu bilden. Denn das
Neue kann nicht traditionsleer bleiben; es hieße die Unterbrechung
des Organischen, jener Lebensform, die psychischen wie physischen
Lebensvorgängen hier auf Erden in gleicher Weise eignet.
So scheinen denn die neueren Mischungsprozesse zu beweisen,