Bildende Kunst.
Va, vient, lance la graine au loin.
Rouvre sa main et recommence;
Et je médite, obscur témoin,
Pendant que déployant ses voiles
L'ombre oàâ se méôle une rumeur
Semble élargir jusqu'aux étoiles
Le geste auguste du semeur.
(Victor Hugo.)
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Thomas Kunst ist so in noch ganz anders umfassendem
Sinne als die Kunst Böcklins nur die Entwicklung seiner
Phantasie, nicht seiner Technik!. Gewiß ist das für Thoma nicht
—D
nicht von der Natur, ohne zu leiden. Aber diese Entwicklung
war sein Schicksal. Auch zeigen die ersten Jahre der Selb—
ständigkeit den Meister technisch noch sorgsamer und noch eher
in den Geleisen des Courbetschen Impressionismus, wenngleich
von Anbeginn die rein aufs Anschauliche im deutschen Sinne
gerichtete Einbildungskraft die Beleuchtungsfrage beiseite schiebt
und sich an die Formen hält, die in der unbestimmten Helligkeit
aber sehr bestimmten Luftklarheit des deutschen Spätnachmittags
leben.
In der Wahl der Gegenstände ist Thoma in dieser ersten
Zeit so unbegrenzt wie nur je; er malt alles, Landschaft und
Bildnis, Tierstück und Figurenbild, Stillleben und gelegentlich
sogar Innenbilder, — doch ist bezeichnend, daß er von vorn⸗
herein dem Historienbild ebenso fern bleibt wie dem erzählenden
Sittenbild: seine Kunst ist immer ausschließlich rein an—
schaulich. Innerhalb seines Bereiches aber bevorzugt er die
tiefe Versenkung, die Wiedergabe der Kraft des Gemütes: so
1 Darum sind auch die Perioden der Entwicklung Thomas schwerer
zu umgrenzen als die der Entwicklung Böcklins. Es kommt hinzu, daß
das Böcklin-Werk (München, Photograph. Union, 3 Bde) einstweilen eine
leichtere Übersicht über das Werden des Meisters vermittelt, als dies beim
Thoma-Werk für Thoma der Fall ist; wenigstens nach dem Stande vom
Dezember 1899 bis Februar 1900, in denen die Studien zum oben—
stehenden Texte gemacht wurden. Seitdem ist übrigens ein 3. Band
dieses Werkes hinzugekommen. Vgl. zum Folgenden auch H. Thode,
Hans Thoma, 1891; F. H. Meißner, Hans Thoma. 1899; 6. Thode,
H. Thoma u. s. Kunst. 1899.