Bildende Kunst.
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Verschmelzen selbst naturalistischer Darstellung mit der Orna—
mentik. Das Zusammenwirken dieser Freiheiten, die allesamt
die Malerei nicht besitzt, erlaubt es dann, tausendmal frischer
und intensiver als in der Malerei in einer gleichtönigen Folge
von Bildern ein Stück Leben im schnellen Wechsel aller nur
zugänglichen Eindrücke wiederzugeben: „sie mögen sich episch
ausbreiten, dramatisch sich verschärfen, mit trockener Ironie
uns anblicken: nur Schatten, ergreifen sie selbst das Un—
zeheuerliche, ohne anzustoßen.“
Man sieht, wie diese Kunstweise phantasiebelebt sein muß,
soll sie bedeutend wirken. Denn wie in der Dichtung und
Musik die Worte und Töne zu Strophen und harmonischem
Satze, so schießen hier die einzelnen Scenen zu Gruppen—
kompositionen zusammen: nicht das einzelne Anschauliche, sondern
ganze Anschauungskreise, ganze sinnliche, aber gedankenhaft ver⸗
hundene Gebiete müssen als groß empfundener Inhalt ins
Leben treten.
Eben in diesen Zusammenhängen lag für Klinger der Reiz
der Radierung. Denn er gebietet über eine Phantasie, die an
Intensität die Thomas erreicht, an Ausdehnung und Reichtum
der Gestaltung aber nicht bloß sie, sondern auch die Böcklins
hei weitem übertrifft. Ja fast zu reich ist sie. Überwältigend
steigen ihre Eindrücke aus unerschöpflichem Born hervor und
bedrängen einander und verdrängen, so daß nicht selten phan—
tastische Gebilde von einer Fülle der Zusammensetzung ent—
—VV—
beständig sprudelnden Quell die Malerei genügen? In der
Radierung erst ergoß er sich auf sein eigenstes Gefilde.
Dabei zeigen bereits gewisse Radierungen der ersten Periode
1877 1880) den Stil des zukünftigen Meisters. In den
„Rettungen des Ovid“ erscheint das Ornamentale beinah schon
in der Vollendung, gewiß aber ganz in dem Reichtum der
späteren Werke, — und merkwürdig berührt dabei, wie gewisse
biel später auftauchende Eigenheiten der modernen kunst—
gewerblichen Ornamentik, wie schon einmal ähnlich bei Runge,
hbis ins einzelnste vorgebildet erscheinen. Und wie anmutsvoll