Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Bildende Kunst. 
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Verschmelzen selbst naturalistischer Darstellung mit der Orna— 
mentik. Das Zusammenwirken dieser Freiheiten, die allesamt 
die Malerei nicht besitzt, erlaubt es dann, tausendmal frischer 
und intensiver als in der Malerei in einer gleichtönigen Folge 
von Bildern ein Stück Leben im schnellen Wechsel aller nur 
zugänglichen Eindrücke wiederzugeben: „sie mögen sich episch 
ausbreiten, dramatisch sich verschärfen, mit trockener Ironie 
uns anblicken: nur Schatten, ergreifen sie selbst das Un— 
zeheuerliche, ohne anzustoßen.“ 
Man sieht, wie diese Kunstweise phantasiebelebt sein muß, 
soll sie bedeutend wirken. Denn wie in der Dichtung und 
Musik die Worte und Töne zu Strophen und harmonischem 
Satze, so schießen hier die einzelnen Scenen zu Gruppen— 
kompositionen zusammen: nicht das einzelne Anschauliche, sondern 
ganze Anschauungskreise, ganze sinnliche, aber gedankenhaft ver⸗ 
hundene Gebiete müssen als groß empfundener Inhalt ins 
Leben treten. 
Eben in diesen Zusammenhängen lag für Klinger der Reiz 
der Radierung. Denn er gebietet über eine Phantasie, die an 
Intensität die Thomas erreicht, an Ausdehnung und Reichtum 
der Gestaltung aber nicht bloß sie, sondern auch die Böcklins 
hei weitem übertrifft. Ja fast zu reich ist sie. Überwältigend 
steigen ihre Eindrücke aus unerschöpflichem Born hervor und 
bedrängen einander und verdrängen, so daß nicht selten phan— 
tastische Gebilde von einer Fülle der Zusammensetzung ent— 
—VV— 
beständig sprudelnden Quell die Malerei genügen? In der 
Radierung erst ergoß er sich auf sein eigenstes Gefilde. 
Dabei zeigen bereits gewisse Radierungen der ersten Periode 
1877 1880) den Stil des zukünftigen Meisters. In den 
„Rettungen des Ovid“ erscheint das Ornamentale beinah schon 
in der Vollendung, gewiß aber ganz in dem Reichtum der 
späteren Werke, — und merkwürdig berührt dabei, wie gewisse 
biel später auftauchende Eigenheiten der modernen kunst— 
gewerblichen Ornamentik, wie schon einmal ähnlich bei Runge, 
hbis ins einzelnste vorgebildet erscheinen. Und wie anmutsvoll
	        
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