Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Bildende Kunst. 
ist der bunte Wechsel pflanzlicher und tierischer Elemente, und 
mit welcher Energie des Animalischen ist der ornamentale 
Mensch in den Schmuckrahmen eingefügt: und schon trägt 
dieser ornamentierte menschliche Körper leise Züge eines persön— 
lichen Stils, schon scheinen hier jene schmächtigen, straffen, 
sehnigen Formen angedeutet, die, Angehörige einer modernen 
Eisenzeit, für Klinger später mehr als für irgend einen anderen 
deutschen Künstler bezeichnend geworden sind. Aber auch im 
Landschaftlichen ist bereits manches von dem späteren Klinger 
vorhanden, so vor allem die Umgießung der geologischen 
Elemente in die Formen einer persönlichen Gebirgsarchitektur 
und deren eindrucksvolle Gliederung bei aller phantastischen 
Uppigkeit des bedeckenden Pflanzenwuchses. Dagegen ist der 
Mensch als Figur und Staffage noch wenig persönlich gebildet: 
noch ganz überwiegt hier der Stoff die Form und die Über— 
lieferung das eigene Schaffen. 
Um wie vieles führt da eine zweite Periode (1880 -1888) 
weiter, die zugleich durch das Schaffen wenigstens an einem 
großen Gemälde, dem „Urteil des Paris“, sowie, gegen ihr 
Ende, durch den Übergang zur Bildnerei charakterifiert wird. 
Die „Intermezzi“, die im Beginn dieses Zeitabschnittes stehen, 
vergegenwärtigen wohl am besten, was Klinger in den ersten 
vier Jahren seiner Radierungskunst zunächst technisch erreicht 
hatte. Für Deutschland, darf man fast sagen, ist in dieser kurzen 
Zeit der Charakter der modernen Radierung erobert worden, 
namentlich die geistreiche Verbindung von reiner Radierung 
mit Aquatintamanier und anderen Techniken, deren Kombi— 
nationen Klinger auch später durch eine Fülle großer und 
kleiner Erfindungen bereichert hat. Mit dieser erhöhten Technik 
aber näherte sich der Künstler nun vor allem den Problemen 
des eben damals in Deutschland um sich greifenden psycho— 
logischen Impressionismus: es ist einer der interessantesten 
Momente seiner Entwicklung. Am frühesten kklingt dieser 
Impressionismus wohl an in vier großen Landschaften aus 
dem Jahre 1880: es sind Experimente in verschiedenem Licht; 
man könnte sie geradezu als Zeiten des Tages bezeichnen. Und
	        
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