Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Bildende Kunst. 
Stil weiter. Und innerhalb dieses Bereiches drängte er jetzt 
vor allem einem abgeschlossenen Ideal des menschlichen Körpers 
zu. Der Cyklus „Ein Leben“ (1881-1884) zeigte da schon 
ziemlich klar den Grundtypus; vollendeter aber trat er erst in 
dem Cyklus „Eine Liebe“ (18791887) hervor. Dies Werk 
oerdankt seinen Abschluß und das freie Künstlertum seiner besten 
Blätter den Jahren des Pariser Aufenthalts (18831887) und 
der stillen Einwirkung der Handzeichnungen Lionardos im 
Louvre. Nicht als wenn Lionardo Pate der besonderen Formen 
geworden wäre. Wohl aber hat seine Kunst den Meister auf 
seinem Wege zum allgemein Menschlichen begleitet. Und so 
tauchen sie denn jetzt auf, diese wie aus Metall geschmiedeten 
Körper mit der scharfen Betonung der Hüftpartie als der 
Stelle, die für die Bewegung des körperlichen Gesamtmechanis— 
mus entscheidet, jene Männer mit den unerbittlich harten 
Muskeln und die Frauen, deren Nervengeflecht gleichsam offen— 
gelegt ist, deren Muskulatur von ständig harmonischem Gebrauch 
nicht minder gespannt ist als die der Männer; und über des 
Meisters Kunst hinaus darf man wohl sagen: das moderne 
Körperideal, das Ideal einer kraftsuchenden und sportfreudigen 
Zeit ist gefunden. 
Die großen Radierungscyklen der späteren Zeit, „Vom 
Tode“ J und II und die „Brahmsphantasie“, haben diesen Er— 
rungenschaften grundsätzlich nicht viel Neues hinzugefügt. Nur 
daß der Mensch jetzt wie in seinem Denken so in seinem an⸗ 
schaulichen Schaffen immer mehr an die erste Stelle tritt. Es 
waren die Zeiten einer Wandlung der Weltanschauung des 
damals etwa dreißigjährigen Künstlers: aus dem Elend zu—⸗ 
fälligen Daseins richtete er seine Blicke empor zu den Momenten 
ewiger Dauer, zu der Natur, von der ihm Hilfe kam: und in 
dieser Wandlung besann er sich auf sich selbst und in sich 
auf den Menschen: weit mehr als früher begann er ihn zu 
lieben, immer mehr wurde er weltfreudig und lebensfrisch. 
Zwar das letzte der großen Radierungswerke, die Brahms⸗ 
phantasie, der Versuch, Musik in die bildende Kunst der 
Radierung umzusetzen, führte ihn auf gewisse Ausgangspunkte
	        
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