Bildende Kunst.
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seiner Entwicklung zurück: auf das malerische Element, auf
die Phantastik der Darstellung, auf eine Formengebung, die
vor allem einer vagen, mehr musikalisch gearteten Einbildung
entgegenkommt: nichts bezeichnender, als daß die Aquatinta—
manier wieder stärker auftritt und daß das Werk in seiner
Gliederung, seinen Intermezzi und stimmungsvoll gesteigerten
Teilen wie an die Formen der Musik so am meisten unter
allen Werken der darstellenden Kunst an die Jugend—
schöpfung der Ovidischen Rettungen erinnert. Und auch die
Ausführung trägt malerischen Charakter: neben Tönen von
zartester Feinheit, einer Wiedergabe namentlich der Fleischtöne
wie auf dem durchscheinenden Fadengewebe dünnen Batists,
steht da, wo es der malerische Ausdruck verlangt, breite, ja
flüchtige Behandlung.
Die beiden anderen Werke aber, die Cyklen vom Tode,
bringen mit ihrem ernsten idealischen Gehalte, mit ihren tiefen
Grübeleien über das Wesen von Mensch und Schicksal den
Verzicht auf alle spielenden Formen früherer Jahre: die reiche
Ornamentik fällt dahin zu Gunsten gelegentlich angewandter
schwerer Architektonik, namentlich romanischen Barocks; und die
heitere Fabelwelt halb humoristisch, halb grotesk behandelter
Zwischenwesen zwischen Natur und Mensch ist abgestorben.
Die reliefmäßige Komposition der Scene, vereinzelt schon früher
berwendet, wird nun zur Regel; und riesenmäßig, als statuarische
Kolosse erscheinen die menschlichen Körper vor tief gelegtem
Horizont. Und was für Körper! Jetzt erscheint das neue Körper⸗
ideal nun auch im einzelnen durchgebildet, und der Künstler ver—
liert sich in die entzückende Betrachtung und Wiedergabe
jeder Einzelheit des Muskelspiels. Raffiniert feine Strichlagen
werden den leisesten Andeutungen von Muskelanstrengung und
Muskelruhe gerecht; wie mit seidig schillernden Mitteln erscheint
der Körper modelliert. Da verschwindet denn die frühere Ver—
bindung der Radiertechnik mit der Aquatinta; die Grab—
stichelarbeit überwiegt, aber nicht in den groben Linien der
Stecher des 17. und oft noch des 19. Jahrhunderts, sondern
in den feinsten Schattierungen, wie sie die galvanoplastische