Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Bildende Kunst. 
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Belichtung ist die Folge. Aber innerhalb dieser hell genommenen 
Belichtung sieht der Künstler überaus fein; sein Sinn für Ab— 
schattierung von Lichtwerten steht höher wie bei anderen 
Idealisten. So werden denn die Nüancen der Licht-Farben— 
zindrücke innerhalb der allgemeinen Helle sehr wohl festgehalten, 
festgehalten namentlich auch für die Fleischpartien. Aber sie 
sind so fein, daß sie in der Nähe für das gewöhnliche Auge 
um so weniger wirken, als das „Parisurteil“ wie fast alle 
inderen Gemälde Klingers ein Werk von sehr großen Ab— 
messungen ist. Darum erscheint denn die Darstellung in diesem 
wie anderen Gemälden von der Nähe aus gesehen flach. Tritt 
man aber weiter weg, so erhöht sich mit jedem Schritte rück— 
wärts die Plastik und Tiefe, bis sie bei großer Entfernung, 
oft 30— 40 Schritten, ein erstaunliches Maß erreicht. So 
ist der Künstler recht eigentlich zum Wandmaler geboren. 
Klinger ist aber während seines Pariser Aufenthaltes 
auch schon als Bildhauer thätig gewesen. Als er dann, in 
den Jahren 1888—1892, seine Werkstatt nach Rom verlegte, 
war es erst recht seine Absicht, plastisch zu arbeiten. Indes 
der gewaltige Eindruck der südlichen Farbenwelt, in welche die 
Formen unablöslich getaucht zu sein scheinen, führte ihn nach 
früheren zahlreichen impressionistischen Versuchen hier nochmals 
zum Studium des malerischen Impressionismus. Und aus 
ihm heraus erstanden, gewiß nicht ohne den Einfluß der 
Marsͤesschen Überlieferung wie der Kunst Signorellis und 
Botticellis, der Meister einer Zeit, in der die Bildnerei die 
Führung der Künste gehabt hatte, von neuem große Werke 
dealistischer Malerei, die „Kreuzigung“ (1888 -91), die 
„Pietà“ (1890) und „Christus im Olymp“ (1893 -96). Es sind 
Schöpfungen, die sich dem Parisurteil unmittelbar anschließen, 
nur von einem noch mehr geläuterten, vor allem plastischeren 
und mehr auf Zusammenhang im gebundenen Raum berechneten 
Stile. Zugleich zeigen sie von Bild zu Bild eine unverkenn⸗ 
bare Steigerung der Ausdrucks- und Komppositionsfähigkeit. 
Die „Kreuzigung“ steckt im einzelnen noch voll von Erinne— 
rungen an Renaissance und Antike, die Lichtführung ist noch
	        
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