194
Bildende Kunst.
Würde man den Verlauf dieser Kunst im einzelnen ver—
folgen wollen, so geschähe das am besten an den öffentlichen
Statuen, deren Zahl in dem demokratischen Jahrhundert aufs
fruchtbarste, freilich auch furchtbarste zugenommen hat, während
in den früheren Jahrhunderten im allgemeinen nur Fürsten ein
öffentliches Denkmal zukam. Die Folge dieser Überschwemmung
mit öffentlichen Statuen vielfach auch bürgerlicher Herkunft
ist dann gewesen, daß das Fürstendenkmal in immer gewaltigerer
Masse emporgetürmt wurde: nur eine die Lebensmaße weit
übersteigende Reiterstatue schien es in diesem Falle thun zu
können, und nicht selten wurden der Kolossalfigur des re—
—DVD
Miniaturausgaben beigegeben, wie die Donatoren mittelalter—
licher Gemälde ihren heiligen Patronen: an dem Maria-Theresia—
Denkmal in Wien kann man sogar Miniaturreiter erblicken.
Im übrigen genügte unter den neuen Voraussetzungen selbst das
plastische Denkmal in Form des kolossalen Tafelaufsatzes nicht
mehr; man mußte die Baukunst zu Hilfe nehmen: und so ent⸗
standen jene neuen Typen des Kyffhäuserdenkmals — oder auch
schon des Kaiserdenkmals in Koblenz, bei denen die Herstellung
einer malerischen Harmonie zwischen Monument und Landschaft
eine der wesentlichsten, übrigens offenbar sehr schwer zu lösenden
Aufgaben bildet.
Der Gegenwart gehört diese ganze Richtung bloß archi—
tektonisch, plastisch dagegen nur in gewissen Einzelheiten an;
denn im tiefsten Grunde ist die jüngste Zeit von ganz anderen
bildnerischen Problemen bewegt. Man kann für sie vier
Richtungen unterscheiden, für die es charakteristisch ist, daß sie
sich ohne weiteres nach gewissen Entwicklungsperioden der Malerei
abgrenzen lassen. Die eine geht auf eingehendste und voll—
ständigste Wahrheit zunächst des physiologischen Eindruckes, sie
entspricht dem physiologischen Impressionismus der Malerei;
die andere entfaltet eine Idealplastik im Sinne des malerischen
1Vgl. das harte Urteil über sie oder wenigstens ihre letzte Ent—
wicklung bei Hildebrand, Problem der Form S. 99— 100 (1893).