Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Bildende Kunst. 
Würde man den Verlauf dieser Kunst im einzelnen ver— 
folgen wollen, so geschähe das am besten an den öffentlichen 
Statuen, deren Zahl in dem demokratischen Jahrhundert aufs 
fruchtbarste, freilich auch furchtbarste zugenommen hat, während 
in den früheren Jahrhunderten im allgemeinen nur Fürsten ein 
öffentliches Denkmal zukam. Die Folge dieser Überschwemmung 
mit öffentlichen Statuen vielfach auch bürgerlicher Herkunft 
ist dann gewesen, daß das Fürstendenkmal in immer gewaltigerer 
Masse emporgetürmt wurde: nur eine die Lebensmaße weit 
übersteigende Reiterstatue schien es in diesem Falle thun zu 
können, und nicht selten wurden der Kolossalfigur des re— 
—DVD 
Miniaturausgaben beigegeben, wie die Donatoren mittelalter— 
licher Gemälde ihren heiligen Patronen: an dem Maria-Theresia— 
Denkmal in Wien kann man sogar Miniaturreiter erblicken. 
Im übrigen genügte unter den neuen Voraussetzungen selbst das 
plastische Denkmal in Form des kolossalen Tafelaufsatzes nicht 
mehr; man mußte die Baukunst zu Hilfe nehmen: und so ent⸗ 
standen jene neuen Typen des Kyffhäuserdenkmals — oder auch 
schon des Kaiserdenkmals in Koblenz, bei denen die Herstellung 
einer malerischen Harmonie zwischen Monument und Landschaft 
eine der wesentlichsten, übrigens offenbar sehr schwer zu lösenden 
Aufgaben bildet. 
Der Gegenwart gehört diese ganze Richtung bloß archi— 
tektonisch, plastisch dagegen nur in gewissen Einzelheiten an; 
denn im tiefsten Grunde ist die jüngste Zeit von ganz anderen 
bildnerischen Problemen bewegt. Man kann für sie vier 
Richtungen unterscheiden, für die es charakteristisch ist, daß sie 
sich ohne weiteres nach gewissen Entwicklungsperioden der Malerei 
abgrenzen lassen. Die eine geht auf eingehendste und voll— 
ständigste Wahrheit zunächst des physiologischen Eindruckes, sie 
entspricht dem physiologischen Impressionismus der Malerei; 
die andere entfaltet eine Idealplastik im Sinne des malerischen 
1Vgl. das harte Urteil über sie oder wenigstens ihre letzte Ent— 
wicklung bei Hildebrand, Problem der Form S. 99— 100 (1893).
	        
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