VI.
Vom allgemeinen entwicklungsgeschichtlichen Standpunkte
aus könnte jetzt die Darstellung der bildenden Kunst ge—
schlossen werden. Denn soweit es dem Verfasser gegeben ist,
den eigentlichen Verlauf des ästhetischen Seelenlebens der
Nation auf dem Gebiete der bildenden Kunst aufzudecken,
ĩio weit ist das geschehen. Aber es gehört zur stofflichen Voll—
ständigkeit der Darstellung, daß noch der Entwicklung derjenigen
Künste mit einem Worte gedacht werde, die bisher nur nebenbei
Erwähnung fanden, der Bildnerei, des Kunstgewerbes und der
Baukunst. Und jedenfalls wird eine Übersicht über die Ent—
faltung dieser Künste, und würde sie auch nur mit zwei Worten
gegeben, das Gute haben, zu zeigen, wie sehr sie von der Malerei
abhängig waren oder wenigstens denselben allgemeinen Ein—
lüssen unterlagen wie diese.
Die Bildnerei der dreißiger bis siebziger Jahre hat unter
der fortdauernden Einwirkung des Klassizismus gestanden, wie
er sich auch in der äußeren Form der Malerei geltend machte;
daneben erwachte dann leise auch in ihr der allgemein steigende
Wirklichkeitssinn des 19. Jahrhunderts, und endlich traten,
etwas spät freilich im Verhältnis zur allgemeinen Entwicklung,
Einflüsse der Renaissance und namentlich des Barocks auf, die
noch heute einen gewissen Teil unserer Plastik, vor allem die
Berliner Hofkunst, beherrschen: hier in merkwürdiger, freilich
nicht durchgehender und auch nicht voll organischer Verbindung
mit dem modernen Ideal des sehnigen, sportgeübten Körpers.
Lamprecht, Deutsche Geschichte. Erster Eragünzungsband. 13