Bildende KUNunst.
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Möbels, verhelfen? Schon bestehen Bestrebungen, nach dem
Rhythmus, der im Mobiliar schläft, unter harmonischer Ent—
wicklung seiner Eigenschaften im Zusammenhang mit dem
Charakter des Raumes, in dem es aufgestellt wird, eine Ge—
samtschönheit eingerichteter Räume zu entwickeln; unter der
Führung des jetzt in Berlin wirkenden Vlamen van den Velde
werden sie von starkem Erfolge getragen: hoffen wir, daß sie
uns zunächst wieder einen klaren und festen Sinn für den
architektonischen Rhythmus von Innenräumen, und von diesem
aus auch einen Sinn für den äußeren Rhythmus der Gesamt—
struktur und der Fassade großer Architekturen in zeitgemäßem
Sinne eröffnen werden.
Das, was uns das 19. Jahrhundert aus all dem Gemeng
historischer Baustile und tastender Versuche nach einem neuen
Ideale hin als guten Anfang einer neuen architektonischen
Empfindung hinterlassen hat, ist der Sinn für das baulich
Malerische. Freilich nicht in der mehr tektonischen Richtung
auf die malerischen Wirkungen der einzelnen Teile eines Baues
in ihrem Verhältnis zu einander, sondern für jenes Malerische,
das wir empfinden, wenn wir das Innere einer mehrschiffigen
gotischen Kathedrale betreten und uns die schwachen, gebrochenen,
vielleicht gar bunten Lichter umfangen, die durch die mannig—
fachen, beim Vorwärtsschreiten stets wechselnden Kombinationen
von Pfeilern hindurchfluten. Es ist also kein eigentlich archi—
tektonisch-malerischer Sinn, den wir haben; es ist vielmehr
nur die lebendige Empfindung für Licht-Farbeneindrücke, die von
einer besonderen baulichen Konstellation ausgehen können. Sie
ist es, die wir überall suchen, in unseren großen Eisenhallen,
in Bauten so wechselnden architektonischen Charakters ihrer ein—
zelnen Teile wie den neueren Museumspalästen von Bern und
Zürich und München, in der Anlage der Straßen neuer Stadt—
teile, zu deren künstlerisch gedachter Durchführung das starke
Steigen großstädtischer Bevölkerungen so oft Anlaß giebt, und
nicht minder in den neuerdings immer stärker auftauchenden
Versuchen, ganze Städte als Kunstwerke zu betrachten und
nach den einheitlichen Gesichtspunkten hoher Kunst zu verwalten,