Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Dichtung. 
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halb ausgefüllten Gefäße von Empfindungen gilt es bewußt in 
sich aufzunehmen und aus ihrem Gehalt die Dichtung zu ge— 
talten. Geschieht das, so wird eine Poesie erblühen als Gegen— 
pol des physiologischen Impressionismus, „jener verbrauchten 
und minderwertigen Schule, die einer falschen Auffassung der 
Wirklichkeit entsprang“. Und diese Poesie wird „keine Er— 
findung von Geschichten, sondern Wiedergabe von Stimmungen“ 
erstreben, „keine Betrachtung, sondern Darstellung; keine Unter— 
haltung, sondern Eindruck“. 
Wie nun dies Ziel erreichen? Da giebt es zunächst den 
Weg einfacher Schilderung seelischer und besonders nervöser 
Reizvorgänge. Und hier wird von der neuen Schule sehr früh 
schon eine außerordentliche Meisterschaft erreicht, wie denn die 
Schule die Form überhaupt in jedem Sinne hochhält und 
fördert. 
Wir schreiten auf und ab im reichen Flitter 
Des Buchenganges beinah bis zum Thore, 
Und sehen außen in dem Feld vom Gitter 
Den Mandelbaum zum zweitenmal im Flore. 
Wir suchen nach den schattenfreien Bänken 
Dort, wo uns niemals fremde Stimmen scheuchten: 
In Träumen unfre Arme sich verschränken, 
Wir laben uns am langen milden Leuchten. 
Wir fühlen dankbar, wie zu leisem Brausen 
Von Wipfeln Strahlenspuren auf uns tropfen, 
Und horchen nur und blicken, wenn in Pausen 
Die reifen Früchte an den Boden klopfen. 
(Stephan George.) 
Außer den leisen und leisesten Schattierungen des Her— 
kömmlichen aber sucht man vor allem auch neue Gebiete seelischer 
Reize auf. Zwar nicht ganz mit dem wunderlichen Zuge der 
Franzosen, diese wie jede neue Richtung ins Extrem zu stoßen, 
bis sie, in diesem Falle, zu den Narretheien schon der Goncourts, 
namentlich aber der Huysmans, Rods und Rosnys gelangte. 
Aber doch in grundsätzlich neuen und nicht immer von einem 
gewissen Snobismus freien Richtungen. Dahin gehört es 
vor allem, wenn die Übergangssensationen zwischen zwei spezi— 
Lamprecht, Deutsche Geschichte. Erster Ergünzungsband. 15
	        
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