Dichtung.
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halb ausgefüllten Gefäße von Empfindungen gilt es bewußt in
sich aufzunehmen und aus ihrem Gehalt die Dichtung zu ge—
talten. Geschieht das, so wird eine Poesie erblühen als Gegen—
pol des physiologischen Impressionismus, „jener verbrauchten
und minderwertigen Schule, die einer falschen Auffassung der
Wirklichkeit entsprang“. Und diese Poesie wird „keine Er—
findung von Geschichten, sondern Wiedergabe von Stimmungen“
erstreben, „keine Betrachtung, sondern Darstellung; keine Unter—
haltung, sondern Eindruck“.
Wie nun dies Ziel erreichen? Da giebt es zunächst den
Weg einfacher Schilderung seelischer und besonders nervöser
Reizvorgänge. Und hier wird von der neuen Schule sehr früh
schon eine außerordentliche Meisterschaft erreicht, wie denn die
Schule die Form überhaupt in jedem Sinne hochhält und
fördert.
Wir schreiten auf und ab im reichen Flitter
Des Buchenganges beinah bis zum Thore,
Und sehen außen in dem Feld vom Gitter
Den Mandelbaum zum zweitenmal im Flore.
Wir suchen nach den schattenfreien Bänken
Dort, wo uns niemals fremde Stimmen scheuchten:
In Träumen unfre Arme sich verschränken,
Wir laben uns am langen milden Leuchten.
Wir fühlen dankbar, wie zu leisem Brausen
Von Wipfeln Strahlenspuren auf uns tropfen,
Und horchen nur und blicken, wenn in Pausen
Die reifen Früchte an den Boden klopfen.
(Stephan George.)
Außer den leisen und leisesten Schattierungen des Her—
kömmlichen aber sucht man vor allem auch neue Gebiete seelischer
Reize auf. Zwar nicht ganz mit dem wunderlichen Zuge der
Franzosen, diese wie jede neue Richtung ins Extrem zu stoßen,
bis sie, in diesem Falle, zu den Narretheien schon der Goncourts,
namentlich aber der Huysmans, Rods und Rosnys gelangte.
Aber doch in grundsätzlich neuen und nicht immer von einem
gewissen Snobismus freien Richtungen. Dahin gehört es
vor allem, wenn die Übergangssensationen zwischen zwei spezi—
Lamprecht, Deutsche Geschichte. Erster Ergünzungsband. 15