Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Dichtung. 
Gaben — gefährliche Gaben, Gaben vornehmlich der Pandora 
der neuen volkswirtschaftlichen, gesellschaftlichen, politischen Ent— 
wicklung. Es sind die entscheidenden Beimischungen, die wir 
kennen: der Einfluß der Großstadt, ja der Weltstadt mit ihren 
neuen Erlebnissen, der den alten, unseren Romanen so lieb ge— 
wordenen Gegensatz von Residenzstadt und plattem Land in 
den des zentralen politischen, sozialen, kommerziellen Treibens 
und der provinzialen Ruhe verwandelte, bis auch das Industrie— 
leben der Provinzen seine Dichtung fand und all diese Gegen— 
sätze in der großen Sehnsucht nach Heimatkunst aufgingen und 
verschmolzen; — der Kultus des Erfolges und der Macht, der 
Ehrgeizige zum Äußersten aufstachelte; — die aristokratische 
Ehrfurcht vor dem Großen und das demokratische Haschen nach 
dem Volkstümlichen; — der scharfe Blick für die Wirklichkeit, 
dem das Lieblingswort der siebziger Jahre, das Wort „physio⸗ 
logisch“ entsprang; — der nervöse Zug zum lauten Lärm und 
der nervöse Zug zur stillen Beschaulichkeit, das harte Trommel⸗ 
fell und das empfindliche Ohr: — — doch wer zählt sie her, 
all die tausend Erscheinungen eines neuen Lebens, in denen 
sich in schillernder Buntheit das neue Wesen der Reizsamkeit 
Bahn brach? 
Und zu alledem kamen fremde Einflüsse von zweierlei Seiten, 
aus hoher Kultur und von den Völkern des Nordens und Ostens, 
die deutschem Wesen bisher mehr als Kulturempfänger zu 
danken denn als Kulturbringer selbstthätig gespendet hatten. Von 
Frankreich meldete sich der sogenannte Naturalismus, das heißt 
der physiologische Impressionismus Zolas. Zola wurde in 
Deutschland vornehmlich durch sein „Assommoir“, seit 1877, 
bekannt; klarer übertragen wurde sein Einfluß seit den achtziger 
Jahren durch die Münchener, vor allem G. M. Conrad; in 
mißverstandener und übertriebener Form wurde seine Lehre 
endlich nochmals eingeführt durch die Berliner in der zweiten 
Hälfte der achtziger Jahre, zu einer Zeit, da der Dichter in 
Frankreich schon dem Andrang anders fühlender Schüler, 
vor allem Bourgets, zu erliegen drohte. Aber hat man in 
Deutschland wirklich stark an den eigentlichen Zola geglaubt?
	        
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