Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Dichtung. 
That mangle Originalität und Lebensfülle. Die Charaktere 
seien im Begriff, zu konventionellen Masken zu erstarren; was 
früheren Jahrhunderten der Harlekin, der Pantalon, der 
Grazioso, die Colombine waren, das seien dem heutigen der 
Backfisch, der Bonvivant, die Soubrette. Man schaffe die Ge— 
stalten nicht mehr aus dem Leben und dem eigenen Inneren 
heraus, sondern aus Bühne und Büchern: „überall Reproduktion, 
Abklatsch und Nachdruck.“ 
Das war gewiß ein scharfes Urteil, ein Urteil jenes Zornes, 
der schöpferisch Neues sucht. Dennoch würde es mit mancher 
Berechtigung auch die Kunsterzählung und die Lyrik getroffen 
haben. Vor allem die Lyrik. Da war die hohe, wenn auch 
so vielfach schon abgeleitete Formenschönheit Geibels im Begriff 
zu versiegen; jetzt kamen die Epigonen der Epigonen, und die 
Butzenscheibenlieder erklangen in dünnem Geklimper. Und 
auch in der Kunsterzählung ging es, wenigstens im ganzen, 
nicht mehr recht vorwärts. Wo war der Reflexionsroman der 
Jungdeutschen geblieben, wo der große Roman der Gegenwart, 
der breit in aller Kultur fußende Roman des „Neben—⸗ 
einanders“ von Gutzkow? Der historische Roman gewann das 
Feld und umschanzte sich mit Citaten und Exkursen, — bis 
ein letzter Versuch, ihn in großgearteter Epopöe durchzuführen, 
in Freytags „Ahnen“ scheiterte. Zwar traten neue Namen 
hervor, die den Gegenwartsroman immer realistischer gestalteten, 
die wesentlich in die neue Zeit hinüberführen halfen, am glanz⸗ 
vollsten vielleicht in sterreich: Karl Emil Franzos, Peter 
Rosegger, die Ebner-Eschenbach, und die Novelle erblühte unter 
der Feder Heyses zu den feinsten, duftigsten, künstlerischsten 
Gebilden. 
Aber die Kunsterzählung macht keine Litteratur. Es bedarf 
eines höheren Schwunges, einer mehr als bloß im sichtbarsten 
Bereich der Wirklichkeit gestaltenden Einbildungskraft, um neue 
Zeiten zu zeugen. Und die neuen Zeiten sind auch diesmal 
nicht von der Erzählung her, sondern in einer neuen Lyrik und 
Dramatik geschaffen worden.
	        
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