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Dichtung.
That mangle Originalität und Lebensfülle. Die Charaktere
seien im Begriff, zu konventionellen Masken zu erstarren; was
früheren Jahrhunderten der Harlekin, der Pantalon, der
Grazioso, die Colombine waren, das seien dem heutigen der
Backfisch, der Bonvivant, die Soubrette. Man schaffe die Ge—
stalten nicht mehr aus dem Leben und dem eigenen Inneren
heraus, sondern aus Bühne und Büchern: „überall Reproduktion,
Abklatsch und Nachdruck.“
Das war gewiß ein scharfes Urteil, ein Urteil jenes Zornes,
der schöpferisch Neues sucht. Dennoch würde es mit mancher
Berechtigung auch die Kunsterzählung und die Lyrik getroffen
haben. Vor allem die Lyrik. Da war die hohe, wenn auch
so vielfach schon abgeleitete Formenschönheit Geibels im Begriff
zu versiegen; jetzt kamen die Epigonen der Epigonen, und die
Butzenscheibenlieder erklangen in dünnem Geklimper. Und
auch in der Kunsterzählung ging es, wenigstens im ganzen,
nicht mehr recht vorwärts. Wo war der Reflexionsroman der
Jungdeutschen geblieben, wo der große Roman der Gegenwart,
der breit in aller Kultur fußende Roman des „Neben—⸗
einanders“ von Gutzkow? Der historische Roman gewann das
Feld und umschanzte sich mit Citaten und Exkursen, — bis
ein letzter Versuch, ihn in großgearteter Epopöe durchzuführen,
in Freytags „Ahnen“ scheiterte. Zwar traten neue Namen
hervor, die den Gegenwartsroman immer realistischer gestalteten,
die wesentlich in die neue Zeit hinüberführen halfen, am glanz⸗
vollsten vielleicht in sterreich: Karl Emil Franzos, Peter
Rosegger, die Ebner-Eschenbach, und die Novelle erblühte unter
der Feder Heyses zu den feinsten, duftigsten, künstlerischsten
Gebilden.
Aber die Kunsterzählung macht keine Litteratur. Es bedarf
eines höheren Schwunges, einer mehr als bloß im sichtbarsten
Bereich der Wirklichkeit gestaltenden Einbildungskraft, um neue
Zeiten zu zeugen. Und die neuen Zeiten sind auch diesmal
nicht von der Erzählung her, sondern in einer neuen Lyrik und
Dramatik geschaffen worden.