Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Dichtung. 
249 
ebenso antibourgeoise Malerkolonie von Fontainebleau, und 
nicht zum geringsten weil die Litteratur vor ihnen, die Litte— 
ratur der Geibel, Heyse, Freytag eine spezifisch bürgerliche ge— 
wesen war. Und sie wurden durch ihren Gegensatz zum 
Bürgertum wie durch einen ideologischen Wahrheitsfanatismus 
in einzelnen Fällen bis in däs Gebiet der sozialdemokratischen 
Parteipolitik getrieben. 
Wenn trotz alledem die neue Kunst siegte, so zeigte sie 
sich eben darin als Ergebnis eines eingeborenen Dranges der 
nationalen Lebensentwicklung. Im Jahre 1888 machte ihr 
Wildenbruch in den „Quitzows“ die ersten Zugeständnisse, denen 
in der „Haubenlerche“ (September 1890) stärkere folgten; im 
Jahre 1890 nahm Wilbrandt in seinen „Neuen Zeiten“ Teile 
der impressionistischen Technik auf und näherte sich Fulda, der 
Schüler Heyses, in seinem „Verlorenen Paradies“ wenigstens 
dem Stoffe nach der neuen Kunst, um sich ihr 1891 in der 
„Sklavin“ auch der Form nach zu verschreiben; 1892 folgten 
von älteren Dichtern Rosegger und Franzos. Und doch war 
der Impressionismus in einem seiner eigentlichsten Vertreter, 
Gerhart Hauptmann, erst 1891 zum ersten Male auf der ge— 
wöhnlichen Bühne erschienen! Dagegen traten von den großen 
Vertretern der älteren Kunsterzählung wohl Spielhagen, Heyse, 
Wilbrandt, Hopfen inhaltlich gegen den Impressionismus auf, — 
aber sie wurden doch auch selbst zusehends impressionistisch, und 
Spielhagen hielt schließlich auf den in Berlin anwesenden Ver— 
treter des ganz impressionistischen Pariser freien Theaters, 
Antoine, einen begeisterten Trinkspruch. 
Hätte man darnach dem naturalistischen Impressionismus 
um 1890 nicht ein günstiges Horoskop noch auf Jahre stellen 
sollen? Man hätte sich arg getäuscht. Eine Umfrage, die 
Kurt Grottewitz im Jahre 1891 bei vierundsiebenzig deutschen 
Dichtern und Schriftstellern über die Zukunft der deutschen 
Litteratur veranstaltete, ergab nach Grottewitzens Gruppierung 
neben den „Alten“ und einer „Mittelpartei“ folgende Klassen 
der „Jungen“: Vorposten, gemäßigte Realisten, Naturalisten;
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.