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Dichtung.
keine ursprüngliche Wirkung, sie bringen vielmehr grundsätzlich
qur dichterischen Rohstoff.
Freilich: so ernst und so entschieden, wie sie gemeint war,
ist diese Lyrik nur selten in Erscheinung getreten; noch mehr
als bei dem physiologischen Impressionismus vermischte sich
hier die naturalistische Tendenz alsbald mit der idealistischen.
Daß trotzdem beide auseinanderzuhalten sind, und daß sich
nach ihnen auch die poetischen Erzeugnisse wie zum guten Teile
elbst die Dichter scheiden lassen, bleibt darum nicht minder
vahr. Denn wie will man entwicklungsgeschichtlich überhaupt
andere Gegensätze aufstellen als polare und andere Unter—
scheidungen als solche à potiori?
Soweit ich die zeitgenössische Dichtung übersehe, scheint
—
pressionismus näherte, Henry Mackay (geb. 1864) gewesen zu
sein („Kinder des Hochlands“, 1888). Mackay ist oft herb
und kräftig, von starken und reichen Eindrücken, von klarer
männlicher Sprache — einer der wenigen unter den Neueren,
der noch Trinklaunen mit Feuer zu besingen weiß. Und so ge—
lingt ihm die Wiedergabe physiologischer Eindrücke trefflich.
Aber er hat daneben auch einen formell weichen und feinen
Zug, der ihm z. B. eine außerordentlich tönereiche Malerei
der äußeren Erscheinung des Meeres gestattet, — und von
ihm aus gewinnt er dann eine besondere Stellung zum Seelen—
leben. Und da schildert er überaus abschattiert und intensiv
seltene Stimmungen und nimmt auch schon Fühlung mit dem
reinen Nervenproblem. Über ihn hinaus aber zieht dann desselben
Weges, sofort neurologischen Wunderlichkeiten zugewandt, Wil⸗
helm Arent (geb. 1864), reich, sorglos lebend, frühreif, persönlich
bon schwer nervösem Charakter. Der Kenntnis zugänglich
st er heute erst von seiner dritten Gedichtsammlung an, die 1885
unter dem Titel „Aus tiefster Seele“ erschien; und hier schlägt
er nun neben vielem thöricht Phrasenhaften, neben sehr Altem
und neben einem großen Überfluß von philosophischem Pathos
doch auch schon jene traumselig weiche Sprache der nervösen