Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Dichtung. 
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immer breiterem Pinsel. Zugleich aber ließ ihn seine litte— 
rarische Erfahrung die Klippe vermeiden, an der die jungen 
impressionistischen Eiferer bei der Durchbildung der großen Kunst⸗ 
erzählung so leicht scheiterten. Seine Romane wollen nicht die 
ganze Zeit umfassen; er begrenzt sie auf kleinere Themata, die 
auch mit Mitteln intensivierter Darstellung noch zu erschöpfen 
sind. Und auch innerhalb dieses Bereiches erscheint er nicht 
als absoluter, am wenigsten als bloß physiologischer Im— 
pressionist. Dazu fesselt ihn die eigentlich seelische Seite des 
Lebens viel zu sehr. Und so baut er im Grunde mehr die 
Psychologie impressionistisch aus und erscheint von dieser Seite 
her auch als ein Vermittler zwischen dem ursprünglich mehr 
dem Äußerlichen zugewandten und dem späteren, vornehmlich 
psychologischen Impressionismus. 
Von den zahlreichen Frauen, die namentlich seit den 
sechziger Jahren auf dem Gebiete der Kunsterzählung thätig 
waren, teils den alten Beruf des Weibes als Märchenerzählerin 
erweiternd und fortsetzend, teils von ganz modernen, emanzi— 
patorischen Gedanken getrieben, wäre in diesem Zusammenhang 
wohl am ehesten Ossip Schubin (Lola Kirschner) zu nennen. 
Lola Kirschner steht seit 1884 in unermüdlicher litterarischer 
Thätigkeit, und schon ihr erster Roman „Ehre“ zeigte ihre ganze 
Art: den sinnlichen Zug und die Begabung, durch geschickt heraus— 
gerissene Einzelheiten, die impressionistisch gegeben werden, stark 
auf Einbildung und Anschauung zu wirken. Im großen freilich 
hält die Dichterin ganz an der alten Romanform fest; sehr 
weit ist sie davon entfernt, eine konsequente Neuerin zu sein. 
Die merkwürdigsten Persönlichkeiten unter den Übergangs⸗ 
erzählern aber sind wohl Kretzer und Sudermann. Was sie 
miteinander gemeinsam haben, ist freilich nur die Thatsache, 
daß sie, jüngere Männer (Kretzer ist 1834 geboren, Sudermann 
1857), impressionistischen Fortschritten von vornherein nicht 
fremd gegenüberstanden, sondern in und mit ihnen groß wurden. 
Sie nahmen daher das naturalistische Ergebnis nicht nachträg— 
lich in sich auf, sondern begannen von vornherein mit ihm 
zu schaffen und ließen es in sich je länger je mehr wirken.
	        
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