VI.
1. Die Entwicklung des neuen Dramas ist in Deutschland
vornehmlich durch Hebbel, Ludwig und Anzengruber vorbereitet
worden. Und schon hatten diese da, wo sie im Sinne des
Impressionismus tiefer in den äußerlichen wie den psycho⸗
logischen Prozeß eindrangen, auch andere Gegenstände behandelt
als das alte Drama: Hebbels „Maria Magdalena“, Ludwigs
„Erbförster“, Anzengrubers Bauerndramen suchen die stoffliche
Wirklichkeit der niederen Klassen auf. Und Anzengruber, den
ausgesprochensten Vorläufer der neuen Periode, sehen wir in
seiner Kunst im allgemeinen noch scheitern, sobald er ihr die
wirklichkeitsgetreue Darstellung auch nur besserer bürgerlicher
Kreise zumutet.
Nach Anzengruber aber erwuchs der neuen dramatischen
Kunst noch von einer ganz anderen Seite her, man kann nicht
sagen eine unmittelbare Vorbereitung, wohl aber ein Beistand,
der den Übergang stark erleichterte. Und das geschah, während
Anzengruber ein Vollblutösterreicher war — wenn er auch in
Norddeutschland schon früh geschätzt wurde —, in Berlin. Es
kommt da ein wenn auch innerlich vielfach abweichendes, so
doch äußerlich ähnliches Moment in Betracht, wie wir es schon
in der Entfaltung des Berliner Romans kennen gelernt haben:
die besonderen Berliner Verhältnisse begünstigten es, daß sich
hier ein Dichter entwickelte, der, bei vollem Festhalten an dem
alten historisierenden Idealismus, doch vor allem nervös war
und die äußere, physiologische Seite des Geschehens stark be—
tonte: v. Wildenbruch.