Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

VI. 
1. Die Entwicklung des neuen Dramas ist in Deutschland 
vornehmlich durch Hebbel, Ludwig und Anzengruber vorbereitet 
worden. Und schon hatten diese da, wo sie im Sinne des 
Impressionismus tiefer in den äußerlichen wie den psycho⸗ 
logischen Prozeß eindrangen, auch andere Gegenstände behandelt 
als das alte Drama: Hebbels „Maria Magdalena“, Ludwigs 
„Erbförster“, Anzengrubers Bauerndramen suchen die stoffliche 
Wirklichkeit der niederen Klassen auf. Und Anzengruber, den 
ausgesprochensten Vorläufer der neuen Periode, sehen wir in 
seiner Kunst im allgemeinen noch scheitern, sobald er ihr die 
wirklichkeitsgetreue Darstellung auch nur besserer bürgerlicher 
Kreise zumutet. 
Nach Anzengruber aber erwuchs der neuen dramatischen 
Kunst noch von einer ganz anderen Seite her, man kann nicht 
sagen eine unmittelbare Vorbereitung, wohl aber ein Beistand, 
der den Übergang stark erleichterte. Und das geschah, während 
Anzengruber ein Vollblutösterreicher war — wenn er auch in 
Norddeutschland schon früh geschätzt wurde —, in Berlin. Es 
kommt da ein wenn auch innerlich vielfach abweichendes, so 
doch äußerlich ähnliches Moment in Betracht, wie wir es schon 
in der Entfaltung des Berliner Romans kennen gelernt haben: 
die besonderen Berliner Verhältnisse begünstigten es, daß sich 
hier ein Dichter entwickelte, der, bei vollem Festhalten an dem 
alten historisierenden Idealismus, doch vor allem nervös war 
und die äußere, physiologische Seite des Geschehens stark be— 
tonte: v. Wildenbruch.
	        
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