Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Dichtung. 
315 
Die Aufführung der „Karolinger“ Wildenbruchs in Berlin 
im Jahre 1882 war zweifelsohne ein wirkliches Ereignis, wenn⸗ 
gleich der Dichter schon vorher, übrigens nach endlosem Harren, 
auf der deutschen Bühne außerhalb der Reichshauptstadt Fuß zu 
fassen begonnen hatte. Zwar erkannte die hauptstädtische Kritik 
schon früh die psychologische Leere des Dichters: es schien, als 
—DDDDDDD 
war bezeichnend, daß Wildenbruch trotzdem durchdrang. Denn 
was man vor allem zu genießen gekommen war, das war der 
bunte Verlauf des Lebens, der dramatische Pomp, die wuchtigen 
Scenen. Und mehr: dies Physiologische erschien nervös ge— 
faßt: in jagender Hast folgte Handlung auf Handlung; die 
große dramatische Anlage im äußeren Aufbau und das be— 
sondere Geschick, die moderne Reizsamkeit aufzustacheln, waren 
unverkennbar. Und so ward Wildenbruch auf einige Zeit — 
etwa ein Jahrfünft — der Held des Tages; erst dann begann 
er von neueren, jüngeren Dichtern überholt zu werden, die nun 
dem schweren Problem des modernen Dramas mit ganz anderem 
Ernst und Rüstzeug auf den Leib rückten. 
Freilich: zu einem großen deutschen Drama führten auch 
diese späteren Versuche lange Zeit nicht. Es wird einmal be— 
sonders lehrreich sein, kann aber hier nicht unternommen 
werden, die sehr verschiedenartigen Anläufe zu einem neuen 
Drama in spezifisch litterargeschichtlicher Forschung genauer zu 
untersuchen, wie sie etwa in den Hohenstaufendramen Martin 
Greifs (1886f.) und im „Trifels und Palermo“ von Lilien⸗ 
rrons, auch einem Hohenstaufendrama aus dem Jahre 1886, 
ferner im „Königssohn und Rebell“ von Felix Schulz (1887), 
in dem „Naphthali“ von Fritz Lienhard (1888), in dem „Fest 
auf der Bastille“ von Franz Herzfeld (1889) u. a. m. vorliegen: 
bis im „Nero“ von Julius Brand (Hillebrand) 1890 der deut— 
liche Versuch auftritt, das Drama, nach Analogie der Ent— 
wicklung der Kunsterzählung, einstweilen einmal nur aus einer 
Sammlung von Scenenskizzen modernen Charakters aufzubauen. 
Dabei mischen sich freilich bei Brand in dies absolut impressio— 
nistische Verfahren schon romantische und symbolistische Elemente.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.