Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Dichtung. 
liche Idee zu verkörpern. Dem entspricht denn auch sein 
passives Verhalten und seine weiche, fast weibliche Art, zu ganz 
offensichtlichen Konsequenzen einer bestimmten Weltanschauung, 
zu sittlichen Problemen Stellung zu nehmen. Das erscheint 
zunächst um so eigentümlicher, als in ihm von Jugend auf 
ein starker religiöser Zug wahrnehmbar ist, wenn dieser Zug 
sich auch wohl niemals zu positivem Christentum verdichtet hat. 
Und es wird auf den ersten Augenblick noch verwunderlicher, wenn 
wir von v. Hanstein, der ihn in entscheidenden Jahren (1885 ff.) 
genau gekannt hat, hören, er habe vor allem einen starken 
sozial-ethischen Zug gehabt. Freilich: spricht v. Hanstein dann 
weiter von Entsagungspessimismus, so ist die Erklärung gegeben. 
Es ist eine, wenn auch edle, sittliche Resignation, die Hauptmann 
kennzeichnet. Gewiß treten gelegentlich neben ihr leise opti— 
mistische Lichter auf, so z. B. in dem prächtigen Lied der Eisen— 
bahnräder oder auch in den minder bekannten Worten, mit 
denen der Dichter „Das bunte Buch“, eine Gedichtsammlung 
vom Jahre 18858, eröffnen wollte (Schlenther, Hauptmann? 
S. 173): „Wie eine Windesharfe sei deine Seele, Dichter! 
Der leiseste Hauch bewege sie. Und ewig müssen die Saiten 
schwingen im Atem des Weltwehs; denn das Weltweh ist die 
Wurzel der Himmelssehnsucht. Also steht deiner Lieder Wurzel 
begründet im Weh der Erde; doch ihren Scheitel krönet 
Himmelslicht.“ Indes solche leiseste Hoffnungen einer kommenden 
Regeneration sind vorübergehende Stimmungen, und keineswegs 
ist aus ihnen ein kräftiger Optimismus hervorgewachsen. Denn 
noch neuerdings, in dem Drama „Michael Kramer“ (1900), 
legt der Dichter dem Titelhelden — ich zweifle nicht, als Aus— 
druck eigenster Überzeugung — Worte klagender Resignation 
in den Mund: „Wo sollen wir landen, wo treiben wir hin? 
Warum jauchzen wir manchmal ins Ungewisse? Wir Kleinen, 
im Ungeheuren verlassen? Als wenn wir wüßten, wohin es 
geht ... Von irdischen Festen ist es nichts! — Der Himmel 
der Pfaffen ist es nicht! Das ist es nicht, und jen's ist 
es nicht, aber was ..... (mit gen Himmel erhobenen Händen) 
was wird es wohl sein am Ende???“ Gewiß, der Mann, der
	        
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