Full text : Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Weltanschauung.

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nur bis zu dem Grade decken, daß wenigstens die Haupt—
momente des Ereignisses über jeden Zweifel erhaben wären?
Erfahrungsgemäß nicht: so stark pflegen die Abweichungen
in der Fixierung selbst eines einfachen singulären Ereignisses
zu sein, auch wenn keinerlei besondere Absicht oder Neigung
der Entstellung vorwaltet. Und so läßt sich behaupten, daß
jedes individuelle Ereignis schon aus der Art seiner Über—
lieferung her leichter bestritten werden und selbst in seinem
Kernvorgang weniger sichergestellt werden kann als eine all—
gemeine Tendenz, ein sogenannter Zustand. Diese allgemeinen
Zusammenhänge sind es, aus denen es sich u. a. begreift, daß
Ranke das reifste Werk seines geschichtlichen Denkens, die „Welt—
geschichte“, grundsätzlich nur noch auf Tendenzen erbaut hat
und nicht auf Persönlichkeiten.
Und diese Zusammenhänge mögen es auch richtig erscheinen
lassen, wenn hier, an dieser bescheidenen Stelle, als wichtigstes
Ergebnis der bisherigen Darstellung keineswegs die Wirksamkeit
einzelner, noch so bedeutender Personen gebucht wird, sondern
vielmehr der Zusammenhang der großen, die letzten Jahr—
zehnte unserer Geschichte durchwaltenden seelischen Strömungen.

2. Und da ist es denn charakteristisch, daß die neue
Periode der Reizsamkeit sich vor allem auf dem Gebiete der
Phantasiethätigkeit äußert: ähnlich wie einst das große subjekti—
vistische Zeitalter mit den Jahren der Empfindsamkeit als einer
Periode wieder erwachender deutscher Dichtung begann. Leise
kann man verfolgen, wie seit den vierziger Jahren schon in
einzelnen verstreuten Zügen, machtvoll dann und allgemein mit
den siebziger und achtziger Jahren ein Seelenleben der Phantasie
das alte, mehr rationale, vornehmlich wissenschaftliche Dasein
ablöst und erst dem Historismus, und das heißt den Geistes—
wissenschaften, später auch den Naturwissenschaften den Krieg
erklärt und im Streite mit ihnen zu siegen sucht. Die erste Stufe
der Entwicklung ist dabei die, daß die Kunst zunächst wenigstens
für ihr eigenstes Gebiet Befreiung von der Bevormundung
            
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