Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Weltanschauung. 
407 
einer ungekannt hohen Kultur erwachsen soll, in dem das freie 
Ich der schützenden Gehäuse von Staat und Kirche kaum noch 
bedürfen wird. Der Mensch aber, das lehren dann die Dramen 
der größten Zeit Ibsens, soll sich mit allen Kräften nach diesem 
Reiche strecken, soll in seine Grenzen hineinwachsen, indem er 
sich in den Dienst des zartesten Gewissens und der größten 
Idee stellt: das ist der zulässige, der große, der verehrungs⸗ 
würdige Egoismus, der niedere Eigensucht nicht kennt, und 
dem gegenüber die Frage nach gut und böse, an dem Maß⸗ 
stabe der heutigen Sittengesetze gemessen, mit Vorsicht auf—⸗ 
zuwerfen ist. 
Die Engländer haben auf deutschem Boden schließlich 
wenig, Ibsen hat seit den achtziger Jahren um so gewaltiger 
eingewirkt. Inzwischen aber war in Deutschland selbst der 
Geist erstanden, ja hatte sich in furchtbar frühem Verlöschen fast 
schon ausgelebt, in dessen Forderungen all die lang an⸗ 
gesponnenen und dunkel geahnten Ideale einer sittlichen Wieder— 
geburt wie in einem scharfen und zerstörend sengenden Brenn— 
spiegel zusammentrafen. 
* 
2. Friedrich Nietzsche (1844 - 1900) war kein Philosoph — 
was hat er nicht alles gegen Philosophen geredet! Er war 
ein Künstler, Dichter, Seher. Z8war hat er eine mehr wissen⸗ 
schaftliche, positivistische Periode gehabt; ihr Hauptdenkmal 
sind die psychologisch tiefbohrenden Bände „Menschliches, All⸗ 
zumenschliches“ (1878—79). Aber selbst in dieser Zeit und 
in diesem Buche bricht immer und immer wieder eine ästhetische 
Natur hervor. Nietzsche verachtete im Grunde das Denken; 
es stand ihm weit unter der künstlerischen Empfängnis, war 
ihm eigentlich nur Vorstellung, Wahn, Irrtum. Darum hält 
er weilausspinnende Logik für ein Unglück, mindestens ffür 
etwas Überflüssiges. Und auch Wahrheiten kannte er nicht, 
es seien denn subjektive: Glaubenssätze, Überzeugungen. 
Zunächst war Nietzsche Dichter und als Dichter Lyriker. 
Dabei gehörte er der modernen Poesie an, nur machte er deren 
Entwicklungsgang überaus rasch durch. Schon früh hatte er
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.