Weltanschauung.
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einer ungekannt hohen Kultur erwachsen soll, in dem das freie
Ich der schützenden Gehäuse von Staat und Kirche kaum noch
bedürfen wird. Der Mensch aber, das lehren dann die Dramen
der größten Zeit Ibsens, soll sich mit allen Kräften nach diesem
Reiche strecken, soll in seine Grenzen hineinwachsen, indem er
sich in den Dienst des zartesten Gewissens und der größten
Idee stellt: das ist der zulässige, der große, der verehrungs⸗
würdige Egoismus, der niedere Eigensucht nicht kennt, und
dem gegenüber die Frage nach gut und böse, an dem Maß⸗
stabe der heutigen Sittengesetze gemessen, mit Vorsicht auf—⸗
zuwerfen ist.
Die Engländer haben auf deutschem Boden schließlich
wenig, Ibsen hat seit den achtziger Jahren um so gewaltiger
eingewirkt. Inzwischen aber war in Deutschland selbst der
Geist erstanden, ja hatte sich in furchtbar frühem Verlöschen fast
schon ausgelebt, in dessen Forderungen all die lang an⸗
gesponnenen und dunkel geahnten Ideale einer sittlichen Wieder—
geburt wie in einem scharfen und zerstörend sengenden Brenn—
spiegel zusammentrafen.
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2. Friedrich Nietzsche (1844 - 1900) war kein Philosoph —
was hat er nicht alles gegen Philosophen geredet! Er war
ein Künstler, Dichter, Seher. Z8war hat er eine mehr wissen⸗
schaftliche, positivistische Periode gehabt; ihr Hauptdenkmal
sind die psychologisch tiefbohrenden Bände „Menschliches, All⸗
zumenschliches“ (1878—79). Aber selbst in dieser Zeit und
in diesem Buche bricht immer und immer wieder eine ästhetische
Natur hervor. Nietzsche verachtete im Grunde das Denken;
es stand ihm weit unter der künstlerischen Empfängnis, war
ihm eigentlich nur Vorstellung, Wahn, Irrtum. Darum hält
er weilausspinnende Logik für ein Unglück, mindestens ffür
etwas Überflüssiges. Und auch Wahrheiten kannte er nicht,
es seien denn subjektive: Glaubenssätze, Überzeugungen.
Zunächst war Nietzsche Dichter und als Dichter Lyriker.
Dabei gehörte er der modernen Poesie an, nur machte er deren
Entwicklungsgang überaus rasch durch. Schon früh hatte er