Full text : Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Weltanschauung.

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mehr durchdenkenden Standpunkte, der dem litterarischen
Enthusiasmus seiner Jugendzeit gefolgt war, zum Stimmungs—
mäßigen über. Er näherte sich jetzt den Vierzigern, in deren Mitte
er, jäh getroffen, zusammenbrach (Anfang 1889); er begann
im Bereich seines Gefühlshorizontes zu herrschen. Der Apho—
rismus tritt zurück, die Persönlichkeit geht in Pathos auf, und
dies Pathos schwillt in dem Hauptwerke dieser Zeit, dem
„Zarathustra“, zum Symbolischen an, zum erhabenen Ton
der Prophetie, der Verkündigung. Und schon findet sich in den
späteren Partien des „Zarathustra“ ein jähes Abbrechen von
Gedanken- und Empfindungsreihen — da, wo es berechtigt ist,
wie in dem wunderbaren Abschnitt „Mittags“ oft von großer
Schönheit —, und etwas Unvermitteltes wirkt befremdend.
Doch ist der Eindruck auf empfängliche Gemüter berauschend,
und die Sprache drängt dicht bis ans Musikalische heran und
wirkt um so packender, als der Inhalt oft rätselhaft erscheint
und nur dem noch verständlich wird, der alle Irrgänge des
Nietzscheschen Denkens bereits durchwandert hat.
Spätere Werke zeigen dann den Verfall des Stiles ins
hastig Eilende, gelegentlich Rhetorische, Barocke; wie sie denn
auch inhaltlich und in dem Mangel des zarten Flaums, des
Duftes gleichsam der sittlichen Persönlichkeit des Verfassers bei
aller Schärfe und klaren Anpassung des Stils an das Gedachte
schon einer Verfallszeit angehören. —
Nietzsche hat selbst in den Grundfesten seiner Welt⸗
anschauung wiederholt geschwankt, wenn auch die Basis der
gleichen Persönlichkeit nicht zu verkennen ist: und so wäre es
leicht, jeden seiner Sätze durch einen anderen, ihm nicht minder
angehörigen Satz zu widerlegen. Er ist im höchsten Grade
„kein ausgeklügelt Buch“, sondern ein „Mensch mit seinem
Widerspruch“; er hat auch Perioden stärkster innerer Zer⸗
rissenheit gehabt und schwer unter ihnen gelitten. Es ist daher
unmöglich, selbst diejenigen seiner Anschauungen in einem ganz
geschlossenen Bilde vorzutragen, die nach seinem geistigen Tode,
in den neunziger Jahren, die Welt mächtig zu erregen be⸗
gonnen haben. Ja eben die Thatsache ist bezeichnend, daß die
            
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