Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Weltanschauung. 
Ende der achtziger Jahre trat dann in der Litteratur erst 
leise, bald aber immer belebender und augenfälliger die Wirkung 
der neuen Fermente zu Tage. Darauf folgte seit 1890 Schlag 
auf Schlag. Am 4. Februar 1890 erschienen, ein getreuer 
Ausdruck der zeitgenössischen Stimmung, die kaiserlichen Erlasse, 
die eine neue Phase der Sozialpolitik einzuleiten bestimmt 
waren; am 30. September erlosch das Gesetz gegen die ge⸗ 
meingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie. Im selben 
Jahre gab Pfarrer Naumann in der Schrift „Das soziale 
Programm der evangelischen Kirche“ die Anregung zu einer 
heute weitverbreiteten, wenn auch noch nicht recht in That um⸗ 
gesetzten sozialen Stimmung; von verwandten Vorstellungskreisen 
aus erschienen in diesem Jahre die Romane „Der neue Gott“ 
von Hans Land und „Jesus und Judas“ von Felix Holländer; 
und von nicht viel anderen Motiven getrieben verbrachte 
wiederum im selben Jahre der Kandidat der Theologie Göhre 
drei Monate als Fabrikarbeiter in Chemnitz und berichtete 
hierüber in einem besonderen Buche (1891), — so wie ebenfalls 
im selben Jahre Hans R. Fischer in den auf eigener Beobachtung 
zeruhenden Büchern „Was Berlin verschlingt“ und „Berliner 
Zigeunerleben“ auf die schweren sittlichen Schäden der Großstadt 
hinwies. Und im Jahre 1890 begann auch Nietzsche mehr ge— 
lesen zu werden, wie im Jahre 1890 die „Ernsten Gedanken“ 
des Oberstleutnants Moritz von Egidy erschienen und rasch in 
etwa fünfzigtausend Exemplaren Verbreitung fanden. 
Aus den noch mehr sozialen und sittlichen Trieben aber 
wuchsen binnen eines Jahrfünfts die reiner religiösen hervor. 1896 
—X sowie 
in dem „Zauberer Cyprianus“ zwar nicht dem Christentum, wohl 
aber einer ekstatisch-⸗mystischen Neigung merkwürdige Zugeständ— 
nisse; dasselbe Jahr brachte eine Vertiefung der dramatis chen Kunst 
ins Religiöse, in ein und demselben Theaterwinter wurden 
Wilbrandts „Hairan“, von Hansteins „König Saul“ und Haupt— 
manns „Versunkene Glocke“ aufgeführt, und 1897 folgte ihnen 
Sudermanns „Johannes“. Um 1900 aber erscheint der anfangs 
stark mystische, ja ekstatische Zug der Bewegung schon mehr ins
	        
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