Weltanschauung.
431
und Stamm und Krone der Welt ein ewig im blinden Dunkel
verharrender Trieb, der in sinnlosen Vorstößen, in unablässigem
Drängen, in unverständlichen Kämpfen von Einzeltrieben gegen
Einzeltriebe sich entwicklungslos austobt.
Hier treten die Wurzeln des Schopenhauerschen Pessimis⸗
mus zu Tage, soweit dieser nicht der Weltschmerzstimmung der
Romantik und persönlichen Regungen des Philosophen verdankt
wird. Sollen wir etwa den Zustand des blinden Triebes er—
haulich oder auch nur erträglich finden? Wir können ihn nur
ertragen, indem wir uns aus ihm zu befreien suchen. So
führt der Pessimismus zur Lehre von der Erlösung: sei es,
daß der Mensch, und vor allem der große Mensch, das Genie,
sich in die Kunst flüchtet und in ihr, der Illusion höchsten
Sinnes, besonders der Musik in metaphysischer Freude ein
Abbild der innersten Triebe des Weltganzen sieht — sei es,
daß er sich auf dem Wege des Mitfühlens mit der Erscheinungs⸗
welt und mit sich selbst einem Zustande der Entsagung zu⸗
wendet, seinen Willen ertötet, aufgeht in einem höchsten
quietistischen Mysticismus, in einer resignierenden Vereinigung
it dem All. Darum sind Künstler und Heilige für Schopen—
hauer die eigentlichen Menschen dieser Erde.
Schopenhauers Lehre, eine posthume Schöpfung früher
Tendenzen des subjektivistischen Zeitalters, bedurfte einer Inku⸗
bationsfrist von mehr als einem Menschenalter, um allgemeine
seelische Zustände zu treffen, die ihren Keimen wiederum günstig
varen. Und auch jetzt noch handelte es sich zunächst nicht um ihren
metaphysischen Teil. Das, was der politische und soziale
Pessimismus in den fünfziger Jahren und der Kultus der Macht
in den siebziger Jahren als ihm zusagend aus Schopenhauers
Philosophie aufnahmen, war die Ethik des Nirwana und die
Verehrung des Genies, nicht die Lehre von dem Verhältnis
und dem Wesen des Triebes und des Wahnes.
Inzwischen haben sich dann die Dinge freilich geändert. Eine
lebensfreudige Ethik hat die graue Bildtafel des Pessimismus
mit frischen Farben bemalt, und der Heroenkult besteht zwar
noch, wenn auch in abnehmendem Maße, aber er wendet sich