Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Weltanschauung 
standesbegriffe auf dem Wege der Induktion erforscht sehen: 
denn sie seien zwar potenziell in uns gegeben, aber doch erst 
durch späte Abstraktion im Laufe vieler Generationen in ihrer 
heutigen Art zustande gekommen. Man erkennt die ent— 
wicklungsgeschichtliche Auffassung, die Kant ganz fern gelegen 
haben würde. Und fährt Lange fort, die Induktion sei einmal 
durch kritische Zerfaserung der Gedanken, dann aber quch auf 
psychologischem Wege durchzuführen, so würde sich wiederum 
Kant zu der zweiten Methode schwerlich bekannt haben. 
Von den großen Philosophen der zweiten Hälfte des 
19. Jahrhunderts steht dann Wundt Kant wohl noch am 
nächsten. Er konserviert den kritischen Idealismus Kants, 
wenn auch im Sinne des Idealrealismus: wie ihm die Grund⸗ 
gesetze des logischen Denkens zugleich Gesetze der Objekte des 
Denkens sind, so müssen sich die idealen Prinzipien der Er— 
kenntnis in der objektiven Realität wiederfinden. Es ist ein 
Standpunkt, von dem der des deutschen Positivismus, wie ihn 
Laas in seinem Buche „Idealismus und Positivismus“ (1879) 
vertreten hat, schon um ein Wesentliches nach der phänome⸗ 
nalistischen Seite hin abweicht. Laas hält Objekte unmittel— 
bar nur für Inhalte eines Bewußtseins, Subjekte nur für 
Schauplätze von Wahrnehmungsinhalten; demgemäß sind ihm 
unsere Vorstellungen und Begriffe durchaus sinnlichen Ursprungs, 
nichts als ursprüngliche oder gesetzmäßig abgeleitete und um— 
gebildete Empfindungen. Und noch weiter auf das bloße 
Gebiet sinnlicher Erfahrung rückt dann eine Anschauung, die 
die Vorstellung zum einzigen Ausgangspunkte macht, die also 
in der Gesamtheit aller Dinge, soweit sie vorgestellt sind, zu— 
gleich die Gesamtheit aller Erfahrung erblickt. Auf diesem 
Boden denken noch am meisten Kantisch etwa Schuppe, Rehmcke 
und von Schubert⸗-Soldern, wenn sie auch vornehmlich auf 
Hume zurückgehen. Freilich tragen sie dann in die Erkenntnis— 
theorie ein fremdes, metaphysisches Element hinein, indem sie, 
um dem Solipsismus — der Anerkennung der Thatsache, daß 
der Erkennende nie aus dem ins Unbegrenzte zu erweiternden 
Umfang seines Erkennens herauskomme — zu entgehen, noch
	        
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