Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Weltanschauung. 
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ein Bewußtsein neben oder über dem individuellen Ich an— 
nehmen. Auf dieses oder ein verwandtes Element verzichtet 
dagegen der sonst etwa auf gleichem Boden stehende Empirio— 
kritizismus von Avenarius (,„Kritik der reinen Erfahrung“, 
seit 1888; „Der menschliche Weltbegriff“, 1891). Avenarius er⸗ 
gänzt vielmehr die individualpsychologische Betrachtungsweise der 
bloßen inneren Wahrnehmung durch ein sozialpsychologisches 
Element, nämlich durch die Annahme der grundsätzlichen Gleich— 
heit der menschlichen Seele, was ihm dann die Heranziehung 
fremder Erfahrung als einer mit der eigenen gleichberechtigten 
gestattet. Und auf diese Weise glaubt er mit seiner zahlreichen 
Anhängerschaft nicht bloß eine rein beschreibende Bestimmung 
des allgemeinen Erfahrungsbegriffes der Form nach ableiten, 
sondern auch die Möglichkeit eines Weltbegriffes aufftellen zu 
können, der nur reine Erfahrung zum Inhalt hat und also die 
Welträtsel auf erfahrungsmäßigem Wege löst. 
Wie man nun auch über diese nur kurz skizzierten 
Thedrien im einzelnen urteile, eins ist sicher: sie haben sich 
immer mehr von den Elementen befreit, die in der Kantschen 
Lehre mit deren Metaphysik und praktischer Philosophie, mit 
dem Ding an sich etwa und dem Begriffe einer transcendentalen 
Freiheit zusammenhingen. Es war ein Weg, der die allmähliche 
Entfaltung der Erkenntnistheorie zu einer selbständigen Wissen— 
schaft bedeutete. 
Kann man aber von den Ergebnissen und Methoden dieser 
Wissenschaft sagen, daß sie schon genügend stark entwickelt und 
namentlich schon weit genug in die Methoden der einzelnen wissen- 
schaftlichen Disziplinen hineingetrieben seien, um diesen als 
sichere Stütze dienen zu können? Es ist wie auf dem Gebiete der 
Psychologie, ja noch bedenklicher: neue Zeiten sind gekommen, 
ein neues Seelenleben ist erblüht; aber die systematische Durch— 
forschung ihres Wesens ist noch keineswegs weit genug gefördert, 
im der Entwicklung des wissenschaftlichen Denkens der Zeit mit 
mehr als allgemeinsten Ergebnissen zu Hilfe zu kommen. 
Und diefe Lage ist nach der Natur der Dinge unvermeidlich: 
denn wie sollte es möglich sein, die psychischen Grundlagen 
gamprecht, Deutsche Geschichte. Erster Ergänzungsband. 29
	        
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