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Weltanschauung.
und noch mehr, auch schon die Erkenntnismöglichkeiten eines
Seelenlebens klarzulegen, von dem im allgemeinen noch nichts
anderes als die Phantasiethätigkeit vollkommen entwickelt ist?
Diese Lage ist aber zugleich für die weitere Entwicklung der Wissen—
schaften in diesem Augenblicke höchst bedenklich. Können all—
gemeine Erkenntnisprinzipien der Art, wie sie dem Seelenleben
der Zeit entsprechen, noch nicht aufgestellt werden: — was
hindert dann, daß den Wissenschaften Grundsätze allgemeinen
Verfahrens von anderer Seite her aufgedrängt werden — und
natürlich von der in der Gegenwart siegreichen, der künst—
lerischen? Diese Gefahr, der im Zeitalter der Romantik die
Wissenschaften schon einmal unterlegen sind, droht jetzt von
neuem.
Die Wissenschaft kennt keine Normen, sondern nur Formen
des Erkennens. Normen, Vorschriften des Handelns und der
schöpferischen Thätigkeit, auch wenn man sie nur als „Kultur—
werte“ bezeichnet, kennt nur eine praktische Lebensrichtung,
wie die des Sittenlebens oder der Kunst; und sie entnimmt
die oberste Norm dessen, was gut oder was schön ist, den
praktischen Idealen ihrer Zeit. Gleichwohl versucht jetzt eine
namentlich unter den jüngeren Vertretern der Wissenschaft An—
hänger werbende philosophische Richtung der Wissenschaft Normen,
und das heißt Werturteile, aufzuzwingen; ja man träumt wohl
gar von der Ersetzung der alten Logik, bis zurück auf die Schluß—
formen des Aristoteles, durch eine Lehre von Normen des Urteils.
Ja, welchem Gebiete sollen denn diese Normen entnommen werden,
wenn nicht der Entwicklung des Lebens selbst? Dieses Leben
aber in Natur und Geist zu erfassen, nicht im Banne einiger
Entwicklungsnormen, die ihm selber wieder günstigsten Falles in
leidlicher Abstraktion entnommen sind, sondern vielmehr mit
den unmittelbaren und freien Kräften des menschlichen Geistes
und mit ihnen allein: das ist die wissenschaftliche Aufgabe.
Jede Anwendung von Normen auf wissenschaftliches Denken
gleicht darum dem Versuche Münchhausens, am eigenen Zopfe
den Mond zu erklimmen, und unterwirft die Wissenschaften ganz
unvermeidlich einseitig praktischen Tendenzen. In der Gegenwart