Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Bildende KUunst. 
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Zweig der bildenden Kunst. Dazu kommt, und zwar für die 
Auffassung der geschichtlichen Forschung ausschlaggebend, noch 
ein anderer Punkt. Malerei und Bildnerei sind im Verhältnis 
zur Baukunst nachahmende Künste: sie schaffen in innigster An— 
lehnung des Auges an die Formen der Erscheinungswelt. 
Darin liegt es begründet, daß diese Erscheinungswelt an sich 
geradezu einen ständigen, weil der Hauptsache nach in sich un— 
— 
wicklung: das so schwer zu findende Moment außerhalb der 
Flucht der historischen Erscheinungen, das zu deren Erkenntnis 
und entwicklungsgeschichtlicher Bewertung doch so nötig ist, hier 
ist es gegeben. Die Baukunst dagegen bietet schlechtweg nichts, 
was diesem eigenartigen Verhältnis entspräche, so wenig wie die 
Musik, — während die Dichtung hier wieder auf die Seite von 
Bildnerei und Malerei tritt: — und darum sind Baukunst 
und Musik an sich weit weniger geeignet, unmittelbar in die 
elementaren Vorgänge der künstlerischen Entfaltung menschlichen 
Gemeinschaftslebens einzuführen, als die anderen Zweige der 
Phantasiethätigkeit. 
Übersieht man die Entwicklung der deutschen Malerei nach 
ihren einfachsten und gröbsten komponierenden Elementen, nach 
Umriß und Farbe, so ergiebt sich in den elementarsten Zügen, 
die auf die scharf gefaßten Urerscheinungen zurückgeführt sind, 
etwa folgendes. 
Wir sehen in den ältesten Funden die Reste einer Zeit 
vor uns, in der die Farbe überhaupt noch keine Rolle spielte 
oder wenigstens nur für roheste Flächenfüllung in ein paar 
hunten Tönen in Betracht kam: so in den Verzierungen der 
Töpferwaren der Steinzeit. Im übrigen beschränkt sich die 
Kunst auf lineare Elemente und Wiedergabe einzelner kleiner 
Teile der Erscheinungswelt (Blätter u. a. m.), die so allgemein 
amrissen sind, daß man kaum die Form wiedererkennt: so daß 
das künstlerische Gebilde fast nur noch als Symbol der natür— 
lichen Vorlage erscheint. Man kann also von einer symbolistischen 
Kunst reden. 
Eine jüngere Periode der Urzeit geht über diese einfachste
	        
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