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Bildende Kunst.
Welt der Form schon hinaus. Es erscheint anfangs die Tier—
gestalt im allgemeinen, dann auch die Gestalt bestimmter Tiere,
schließlich auch Pflanzen: zwar noch in sehr allgemeinen Um—
rissen wiedergegeben, aber doch schon so, daß man sie erkennt: eine
ornamentale Kunst von oft hoher Ebenmäßigkeit der Formen ist
erreicht. Die Farbe tritt dabei jetzt auch schon in reicherer Palette
auf, wenngleich noch in ungebrochenen, starken Tönen; und diese
Töne werden ohne jede Beziehung zur Lokalfarbe der dar—
gestellten Gegenstände nach rein dekorativen Grundsätzen zur
Flächenfüllung des Ornaments benutzt: rote Pflanzen, goldene
Tiere u. s. w.
Schreiten wir weiter vorwärts ins sogenannte Mittelalter,
in die Zeit etwa vom 9. bis zum 15. Jahrhundert, so läßt sich
verfolgen, wie sich der bisher ornamentale Umriß immer mehr
dem wirklichen Charakter des Umrisses annähert, ohne ihn doch
ganz zu erreichen. Es ist eine leise Veränderung in fast un—
merklichen Gradabstufungen zu dem hin, was wir gewöhnlich
mit dem Wort realistisch bezeichnen: und wenn man die Haupt—⸗
momente der gradmäßigen Verschiebung zum Ausdruck bringen
will, so kann man von einer erst typischen, dann konventionellen
Bewältigung des Umrisses sprechen. Indem aber diese Ver—
schiebung eintritt, erweitert sich zugleich das Stoffgebiet der
Malerei. Neben der Einzelfigur wagt man jetzt Scenen wieder—
zugeben, hier und da finden sich auch schon leise, freilich nach
unseren Begriffen höchst verunglückte Versuche der Wiedergabe
der Landschaft: man weiß die Tiefe noch nicht zu geben und
geht statt dessen (wie heute die Kinder) in die Höhe. Doch
stellen sich damit immerhin schon die ersten Versuche zur Be—
wältigung der elementaren Linearperspektive ein. Die Farbe
ist im Anfang dieser Periode noch ein rein dekoratives Element
zur bloßen Flächenfüllung; noch im 9. und 10. Jahrhundert
finden sich goldene Rinder, blaue Pferde, noch im 12. Jahr⸗
hundert gelegentlich, wenigstens im Kontur, gelbe und rote
Pflanzen. Im ganzen aber vollzieht sich allmählich der Über—
gang zur Lokalfarbe, wenn auch zunächst in nur sehr roher
und summarischer Erfassung der Töne der Erscheinungswelt.